11. Tag: Mail von der anderen Seite der Grenze
Geschrieben von Moses (Mail)
Sonntag, 09. August 2009 um 09:36

Es sträubt sich mir Niederlande zu sagen, denken werde ich wohl weiter Holland.

Ich bin ein Stückchen weiter als Tolkamer/Lobith im Recreatiepark De Bijland. Scheint auch für Wasserski ein Paradies zu sein.

Gestern war ich den km nach ziemlich schnell, über vierzig und erst mittags los. Eigentliches Ziel sollte Emmerich sein, da machte ich Fotos von der Stadt vom Wasser aus: ein wildes Hin und Her zwischen Gastanker, Kohleschiff, Passagierding. Ich hatte vor, die Begegnung zweier Schiffe corp dem Prospekt der Stadt mit der Hängebrücke draufzukriegen, aber meine Nase spielte mir einen Streich: die drückte immer wieder das Knöpfchen der Fokusmstellung und die Schärfeautomatik suchte sich blitzschnell den entsprechenden Punkt. Gleichzeitig war mein Unterkörper damit beschäftigt, die Strömungs- und Schiffswellen auszugleichen, die, weil nicht hingeguckt, Badesprosse lustig tanzen ließ.

Beunruhigend finde ich, dass mein Kartenmaterial nun zu Ende ist.

Vorgestern war ich noch im Weseler Kanu Club und konnte dort mit einem Kanuten sprechen, der gerade vom Rhein in den Anleger kam. Ein alter Hase, der sehr entspannt mit meiner Kartensuche umging. Er kennt sich halt aus und fährt seine Strecken. Umgucken sei wichtig und rechts fahren - Schifffahrtsstraße halt. Ein Bekannter wurde auch noch interviewt. Beide kamen zu dem Ergebnis, Emmerich sei ein gutes Ziel. Weiter wussten sie aus dem Kopf aber auch nicht.

Weitwanderfahrten sind nicht besonders verbreitet. Das musste ich schon auf der Lippe lernen. Mir scheint, die Bootssportler haben sich damit arrangiert, mehr oder weniger von Brücke zu Brücke zu fahren, manchmal ist auch eine Anlegestelle Start oder Ziel. Keinesfalls aber eine Übernachtungsmöglichkeit direkt am Fluss. Ausnahme ein Campingplatz gelegen direkt an einer Autobahnbrücke. Wenn man sich an die wunderbare Stille auf dem Wasser gewöhnt hat, ist das ein ohrenbetäubender Zivilisationslärm, Lärm deswegen, weil ich mich auf die leisesten Geräusche konzentriere: das Platsch eines Fisches, das ich sogleich zu orten versuche, rauschendes Wasser, das eine schnell fließende Stelle ankündigt, eine nagende Ratte, die ich noch beobachten kann, bevor sie in Deckung geht, das Gurgeln von Kehrwasserstrudeln, Unterscheide zwischen Wasserrauschen, den Klang der Silberpappeln oder Nieselregen. Optisch ist nicht viel anders. Wasserlesen nenne ich das. Wo fließt was in welche Richtung, wo ist das Hauptfahrwasser, wo landet das treibende Boot einfach nur in den Büschen. Das Paddel ist die Handverbindung zum Wasser, nicht nur Antriebswerkzeug, sondern wie ein Blindenstock, Antrieb, Bremse, Steuer, Balancierstange, manchmal Segel, Astabweiser, Bootshakenersatz ... das Padderlblatt ist verlängerte Hand, denke an Entenfüsse - wie schnell die sind und präzise. Der Ausdruck "lahme Ente" ist wie so viele andere ein Irrtum.

 

Gestern Abend gegen 8 Uhr sah ich einen Fahnenmast am Ufer, kurz hinter der Promenade von Tolkamer, wo ich ziemlich hilflos unter den Schiffsanlegern rumpaddelte, also zu dem Mast. Badesprosse landete mit dem Bug im Gemisch aus Kies und Sand, Ausgestiegen und das Boot ein wenig an den Strand gezogen, hochgeschlappt und eine Ortsbeschreibung auf niedeländisch gefunden. Karte entschlüsselt zweite Einfahrt rechts rein und einen Schornstein als Landmarke nutzen, prima Karte, nicht zu viel und das drauf, was ich wissen wollte: ist der Campingplatz von der Rheinseite oder von der Buchtseite zu erreichen. Erreiche den Bootsanleger, mache fest an Stegtonnen, ein Holländer, der mit drei Jungs am Angeln ist, zeigt mir den Weg zum Camping, der noch nicht zu sehen ist. Nach der Anmeldung schnappte ich mir eine Schubkarre und es ging zurück zum Steg - Boot entladen, und Badesprosse mit provisorischer Persenning überziehen. Alles fertig und losgeschoben mit Karren über wackeligen Steg, plötzlich Angelgewirr, Jungs haben Fisch, versuche mit Rad am Rand langzukommen, Obstbeutel landet im Wasser, die anderen lassen alles fallen und retten den Beutel. Um mich herum die Angelruten liegend und sowieso mit dem Rad schon am Rand, kann ich die Karre nicht abstellen, komme mir ziemlich machtlos vor, kriege unter Grinsen und viel Palaver mein frisch gewaschenes Obst wieder und darf abschieben. Alles abgeladen am Zeltplatz und die Karren in entgegengesetzter Richtung zum Steg weggebracht, will ich ans Werk zum Bereiten des Nachtlagers. Musste nur zur allgemeinen Belustigung nochmal Badesprosse entkleiden, weil das Wichtigste fehlte: das Zelt.

Zum Abend gab es "chinesisch" gebratene Nudeln, Tütengericht. Im Dunkeln strolcht ein Kaninchen über den Platz. Kurz danach komatöser Schlaf mit ein paar Unterbrechungen durch heimkehrende Jugend.

Hierstange keine Steckdose für Rasierer oder Fön - also auch kein Händifutter.

Mal sehen was kommt, keine Karte, kein Strom, das Wasser kennt den Weg zur See.

Gruss Mo

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