14. Tag: Utrecht im Regen
Geschrieben von Moses (Mail)
Freitag, 14. August 2009 um 00:44

[für Mittwoch, 12. August]

Gestern fing es an zu regnen, als ich losfuhr. Memme oder Kanut, dachte ich, schaffte es aus der kanalisierten IJssel in den Merwedekanaal zurück bis zur Pommesbude und hatte schon ordentlich Regenwasser aufgenommen.

Ich beschloss, den Hafen am Merwedekanal zu suchen und dort abzuwettern, und hielt ungefähr einen km weiter unter einer Brücke, die zur Hälfte Zugbrücke war. Der klappbare Metallteil lärmte grausam, wenn Autos darüber fuhren. Festmachen war nicht wirklich möglich. So klemmte ich das Paddel unter der Rundumleine ein und schob die andere Seite in eine Bucht zwischen die gewundenen Stahlverplankungen. Die Anlegeleine hielt ich entweder mit dem Fuß oder in der Hand. Wenn Boote kamen, sicherte ich am Mast mit der Hand, damit Badesprosse nicht unter die Leitplanken geriet. Es war kalt in der dreiviertel langen völlig nassen Hose und ich wußte nicht was zu tun ist, was ich wollte oder konnte. Außerdem drückte ein großes Geschäft mit enormer Ankündigung in die Hose zu gehen.

Webbie besorgte via SMS Wetterinfos und ich machte in den Schwellpausen Striptease. Abenteuerliches Gehampel mit ein- und auspacken der Klamotten und gleichzeitiger Bootssicherung. 

Die Enten schwammen wieder los. Ein gutes Zeichen für das Ende der Schüttung von oben. Also statt nach Süden zum Hafen wieder nordwärts, an der Einfahrt zur IJssel nach Gouda vorbei, ein Versuch, Touristenyachties zu knipsen, misslang - genau in Kurve und Vorfahrt beachten, man weiß ja nie, ob die Charterer ihre Tuckerwannen wirklich im Griff haben und wissen, wie und dass man Paddelbötchen ausweichen soll oder überhaupt kann. Eher habe ich den Verdacht, dass ein einzelnes kleines Boot ein gutes Peilobjekt ist, kann man gut drauf zusteuern und dann so eben drum herum fahren. Das fällt echt auf und denke, dass das automatisch passiert, man behält das, was man nicht übermangeln will, genau im Blick und steuert dadurch unausweichlich darauf zu. Schlimm ist für mich nur, dass die meisten vergessen, oder sich nicht klar machen, dass ich ohne Paddel manövrierunfähig bin und eben die zwei Meter Breite brauche, auch wenn das Boot nur 85 cm hat. Viele drehen eine Bootslänge vor der Paddel-Bugkollision etwas ab, grüßen brav oder zeigen ihren Mitfahrern mich: da, ein Kanu, Canoe, seltener Faltboot.

Wieder am Kai von der Pommesbude angelangt, festgemacht zwischen den Yachties, Persenning übers Boot und losgehen. Straßen um die Kirche herum waren nicht besonders interessant. Ein Kindergarten hieß Rijnhuiser, deutsch: Rheinhäuser oder Reihenhäuser? Ich schmunzel mir eins untem Regenschirm und marschiere weiter.

Nach einiger Suche bekam ich endlich einen Kaffee in der Eisdiele, was mein Bedürfnis nach Warmem und Koffein zwar befriedigte, aber das andere, oben erwähnte, nur noch verstärkte. Tags zuvor war die Bedienung eine Augenweide für mich, darum wahrscheinlich gab es später Gyros mit Pommes, Auswendiglernen der nächsten Wegpunkte durch Utrecht, eine sehr erleichternde Darmentleerung und auf keinen Fall wollte ich bei dem Wetter wieder auf den Amsterdam-Rijn-Kanaal zurück, den ich gegen 16:15 Uhr kreuzte. In Utrecht wehte kein Lüftchen, der Regen hörte auf und ich hatte selber Sightseeing durch die Altstadtkanäle. Herrlich. Lohnenswert. Die Leute sitzen förmlich am Wasser, nur meine Bootshöhe höher mit den Stuhlbeinen. Diese Cafes und Restaurants sind unter die Straßen gebaut, sodass von oben auch Leute gucken und von unten viele Fahrräder zu sehen sind. Sportlich fahrende Frauen auf Herrenrennrädern finde ich besonders reizvoll - glaube seit ich den Film Flashdance gesehen habe. Die unteren Kanalplateaus werden aber auch von allerlei Händlern genutzt, eine Druckerei glaube ich erkannt zu haben, Dienstleistungsfirmen rund um den Computer und Künstler - so ähnlich wie ich sie auch schon in Wien am Donaukanal gesehen habe. Zum Schluß noch eine handbetriebene Schleuse (die dritte Schleusung an dem Tag), vier Kiffer mit einem Riesenjoint und lustig zugange. Danach ewig viele Hausboote, aber extra als solche gebaut - schwimmende Betonwannen mit Hütten drauf.

Manches Fotomaterial habe ich heute Abend beim Durchschauen gelöscht. Bis zur Schleuse in Utrecht ist noch alles da, aber nun fehlt alles bis heute Abend. Das ist sehr schade, denn ich habe die Kamara sozugen als optisches Notizbuch. Aber heute waren ein paar wirklich wertvolle Bilder dabei, deren Situationen ich nun lieber gleich beschreibe, weil sonst sogar das Gefühl abhanden kommt.

Ein Wasserfahrzeug erregte meine Aufmerksamksamkeit: Fahrrad hinter Gartenbank zwischen zwei Surfboards als Schwimmer, am Hinterrad Wasserschaufeln in die Speichen eingebaut, das Vorderrad herausgenommen und die Gabel mit einer verbreiterten Achse versehen, an deren Enden Seilzüge zu einem Ruderblatt zwischen den Bords führten, das ganze über den normalen Lenker zu steuern. Quasi eine Fahrrad-Wasser-Rikscha.

Schlau finde ich manche Bootsparkplätze. So zum Beispiel Kajaks aufgehängt am Straßengeländer, kann man runterlassen und über gleiches Seilsystem einsteigen, weniger klever angekettete Fahrräder, die zur Flussseite an ihren Schlössern herabhängen - sieht nicht so gewollt aus.

 

In Oud-Zuillen legte ich gegen acht abends an und baute mein Biwak übers Boot. Ein paar Nacktschnecken mussten umgesiedelt werden, die aus geschwungenen steinernen Ritzen krochen. Diese Ritzen inspizierte ich erst am nächsten Morgen genauer und fielen den Tag über noch an vielen anderen Stellen auf. Die geschwungenen Formen sind die sichtbaren kurzen Seiten von Dachpfannen, die auf der Längskante stehend nebeneinander aufgestellt und mit Betondecke zu einer Kaimauer bzw Flussbefestigng geworden sind. Ein superpraktisches Recycling. In der Wirkung gegen Wasserwellen bestimmt genauso effektiv wie Eierkartons in Tonstudios. Beim Hin und Her der Sachen hüpfte dann ein blinder Passagier aus dem Bug ins Abendlicht: Ein Frosch. Der war bestimmt froh, wieder in sein Element zu kommen.

Die Fotos vom Biwak mit vollständig abgeschotteter Windseite, bis auf die Fenderlücke festgezurrtes Boot und der Persenning dachförmig mit Gummiseil und Heringen am Ufer vertäut habe ich leider nicht mehr. Sind auch gelöscht. Aber ich war richtig stolz auf die Konstruktion. Ich hatte nicht nur Schlafplatz sondern auch eine Pentry, eine Bordküche, indem ich den Vorratskoffer auf den Hecksüllrand stellte, davor konnte ich aufrecht knien, wie auf einer Kniebank in der Kirche, darunter hatten die Füße beim Schlafen Platz. Die Persenning war über den Segelmast und das hinter der Küche eingesteckte Stechpaddel längs über das Boot durch eine Leine hochgehalten. Die Betonkante vom Kai hatte ich so auch überdacht und konnte diese zusätzlich als Ablegefläche benutzen. Ich war sehr stolz auf mein Werk, aber die bereitgelegten Nudeln zu kochen, war ich nicht mehr im Stande. Es gab eine extra große Portion Müsli mit Dosenfrüchten. Viel zu müde, um den geschaffenen Raum über, in und neben Badesprosse zu genießen, fielen mir die Augen zu. Als ich dann fein ausgestreckt im Schlafsack lag - inklusive störrischem Rumgezuppel am Reißverschluss, dem ich es nicht beizubringen vermag, ohne den Windschutzstreifen einzuklemmen zu zugehen - so daliegend freute ich mich noch einen Augenblick über mein Werk und hatte vergessen die extra zum Hin- und Herschieben an der Deckenleine aufgehängte Taschenlampe mit zum Kopfende zu nehmen. Diese beleuchtete brav die Küche über meinen Füßen.

Mo

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