15. Tag: Rausch
Geschrieben von Moses (Mail)
Freitag, 14. August 2009 um 03:08

[für Donnerstag, 13. August] 

Es ist bereits gegen ein Uhr morgens vom Freitag. Komme von der Wasserette, den sanitären Anlagen des Campingplatzes, zurück und gehe, Hände in den Taschen der kurzen Hosen, an den Beinen frierend, auf das mit Booten zum Bersten volle Hafenbecken zu. Der Kran der "Schlippanlage", so die angeschlagene deutsche Übersetzung, bildet ein Tor zu entfernt leuchtenden Laternen. Nur wenige Boote haben noch Innenbeleuchtung, Nebel steigt auf, der Himmel ist sternenklar, Kaninchenmamas hoppeln mit ihren Kids auf den Grasstreifen herum, die an zwei Seiten das Masten- und Stegegestrüpp säumen. Vor meinem Zelt hängen Unterhosen und Socken zum Trocknen - ein frommer Wunsch bis morgen früh. Gewaschen werden mußte aber dringend. Nicht, weil ich keine Wäsche mehr hätte, sondern weil die benutzte seit Tagen klamm im Bootssteg verbrachte und der muffige Geruch sich breit macht, wenn ich stehe und kein Wind geht.
Badesprosse hat einen Sonderplatz an einer Kanurampe und darf im Wasser liegen bleiben, nach Lee von den Planken freigehalten und gegen Bootsschwell abgefendert - bin echt froh, die Fender mitgenommen zu haben. Mittlerweile sind sie auf Deck in Mastnähe an einem Stahlring fest und können ohne große Mühe heruntergelassen werden, indem ich am anderen Ende den Tampen aus der Klemme löse, die normal für die Fock (Vorsegel) genutzt wird. Das ist beim Anlegen und in Schleusen besonders praktisch, denn es erspart das Aufstehen und damit das Verlassen der Fußpedale für das Ruderblatt. Aufstehen bedeutet auch, das Paddel aus der Hand zu legen, und beides für einen Moment nicht zu bedienen, macht das Boot kurzzeitig führungslos. So ist es eben nur ein Handgriff zum Tampen, fieren und der Fender rollt vom Deck ins Wasser, Tampen wieder einklemmen und die Höhe stimmt automatisch, wenn der Tampen wieder leicht straff ist.

Heute Nacht liegen die zusammengerollten Segel auf dem Bug und sind an der Rundumleine befestigt, die Luke mit der großen Persenning (es gibt noch zwei kleine für Regenfahrt, da kann ich dann zwischen sitzen) abgedeckt. Satt bin ich heute Abend von Erlebnissen des Tages und von zwei dicken Schnitzeln mit Zigarrenbrot. Die Tafel ist reich gedeckt - ganz im Gegensatz zu heute morgen. Aber da fängt die Kette von tollen Eindrücken und dusseligen Missgeschicken des Schreibers an.

 

Die Morgentoilette treibt mich aus dem Bootsbiwak und dem wärmenden Schlafsack, Knie auf den Kai, im Nacken die taunasse Persenning,"ieh", und mit der rechten Hand mit vollem Gewicht auf dem Rücken einer schleimigen Nacktschnecke, richtig "ieh-hieh-hie" - ich mag Schleimer nicht, schnell auf die Füße und rumms, auf dem nassen Gras der schrägen Böschung ausgerutscht. Hände schmuddelig, an Uferstraße stehend, ein Mann mit Setter links, ein anderer mit Schäferhund auf der anderen Seite. Der erste ein Anwohner, der zweite Käptn von einem kleinen Stahlkreuzer, ich tappere hin und her und weiß nicht wohin zu pinkeln und mit dem Dreckselend an meinen Händen. Fühle mich elend, weil seit Tagen nicht geduscht, nach der anstrengenden Kanalfahrt, ein halber Tag Regen und zwei Nächten Biwack an öffentlichen Plätzen. Der Schäferhund begrüßt fellgesträubt und freilaufend den angeleinten Setter und ich schaue zwischen den Herrchen hin und her. Der Käptn ruft "Rausch" und schickt sie aufs Boot, gehorcht aber nicht wirklich. Wir drei kommen ins Gespräch. Ich suche einen Bäcker, komme nicht weiter, der Käptn versteht, als ich "Bakkerij" sage, was ich wohl will und redet mit dem Anwohner. Es heißt ein paar km weiterfahren von Oud-Zuillen nach Maarssen.

Der Käptn hatte eine Tasse Tee angeboten und da ich mangels Bäcker keine Aussicht auf Frühstück hatte, kam ich flux auf den Tee zurück. Rausch gefiel mein Eindringen in ihre Pflicht, ihr Schiff, überhaupt nicht und machte Fellsträuben mit Geknurre, Rumdrängeln, denn die Fressnäpfe standen unter mir. Als mich das nicht beeindruckte, machte sie vor mir "Sitz" und gab das "feine Pfötchen", kullerte lieb mit den Augen, eher ein aufgeweckter Dackelblick, die Ohren gespitzt.

Zum Tee bekam ich eine Zigarrenbrotstulle mit Butter und Cervelatwurst - eingeatmet - mein Fresschen - "Rausch" leckte die Leftsen. Ich fragte nochmal nach dem Hundenamen. Ob ich nicht die Blume kennte. Ich fragte nach Mohn, des Rausches wegen. Nein, die rote mit Dornen. Und dann sagt er es nochmal, Rohus, leicht englisch akzentuiert. Axo, holländisch ausgesprochene "Rose" klingt auf Deutsch wie Rausch - das mit dem Mohn hatte der Käptn nicht mitbekommen.

Im weiteren Gespräch fand ich heraus, wie man mit Händen die Konstruktion und das Zusammenfalten meines Bootes nachmacht. Mir scheint, dass die Konstruktion sogar den Funktionen von vier Händen sehr genau gleicht.
Wenn man die Handgelenke aneinanderlegt, so dass die kleinen Finger ausgestreckt nebeneinander liegend sich berühren und man in die offenen Handflächen schaut, die eine Mulde bilden, wie ein halbes Boot (die Handgelenke sind dabei Bug oder Heck) und sich dann die Finger spreizen, so hat man das auch im Boot zusammenhängende Holzgerüst nachgestellt. Das Zusammenklappen des Gerüsts geht dann wie bei den Fingern der beiden Hände: die Finger klappen auf die Handflächen und die beiden flachen Fäuste klappen derart zusammen, das die Fingeraußenseiten nach Innen verschwinden. Ein Regenschirm funktioniert quasi genauso, der "Knirps", ein Taschenregenschirm faltet sich dabei sogar zwei Mal, bloss nach außen.

Der Käpten wollte mit seiner Freundin nach Wageningen, wo ich vor ein paar Tagen war, nur gleich den besseren Weg, weil angenehmer durch Utrecht und Nieuwegein zum alten Rhein, Neder-Rijn und dann ostwärts flussauf. Aber nie und nimmer den Amsterdam-Rijn-Kanaal. Sei schlimm, diese Stahlwanne, ginge nur hin und her das Wasser und das Schiff mache so (dazu die entsprechendenden Handbewegungen). Als ich erklärte, dass ich genau das Stück gefahren sei, welches er umgehen wollte, und das gegen den Wind, wollte er es nicht wirklich glauben ...

Zum Abschied kam er nochmal, als ich mein Biwak wieder entwickelt hatte und schaute sich meine Bootsordnung an. Das Fachgesimpel ging weiter, Rose war nochmal mit Frauchen Gassi und die rief nun etwas streng ... Um neun macht die Stadtschleuse auf, es wurde Zeit. "Mama hat die Probiersöckchen gezückt, Flanieren und Schoppen", denke ich, grinse aber nur, bedankt für Tee und wech die beiden ... mit Rausch.

Kurz darauf laufe ich auch ab.

 

Jetzt sind die Akkus leer. Einer vom Händi, andere der meine. Ich merke es deutlich, weil ich mehr korrigiere als Wörter aneinander zu reihen.
Vom See also in der Frühe vor der Weiterfahrt. Axo, ich bin etwa 20 Auto-km vor Amsterdam.

Mo

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