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Immer noch Donnerstag. Es scheint heiter zu werden. Ich fahre auf dem Vecht, ein nach Fluss aussehender Kanal. Die Ufer immer wieder mit Dachpfannenreihen befestigt. Ich finde es gut, wenn man Dinge, vielleicht auch ein wenig zweckentfremdet, weiter gebraucht. Die Abwrackprämie, die in Deutschland erst als Umweltprämie angepriesen wurde und hervorragend griff, ist ein negatives Beispiel gegen die Weiternutzung. Da gibt es Leckerchen, fette Belohnung im Sinne der Wegwerfgesellschaft. Schadhaftes wird nicht repariert, sondern getauscht, viele Dinge des täglichen Lebens billig produziert, kaum länger haltbar als das Verfallsdatum. Selber in Gipskartonwänden leben und im Urlaub Schlösser und alte Kirchen bewundern, auf Oldtimer-Autoschauen gehen und den alten Zeiten gedanklich nachhängen, so viel Müll produzieren, dass es sich lohnt, ihn zu trennen - eine Nation sortiert für den Reibach der Abfallwirtschaft vor und zahlt auch noch immer mehr für die Einsammelei. Warum geht mir der Abfall durch den Kopf? Nun, im Boot fällt er auf. Es sammelt sich schnell eine Tüte voll an. Das meiste sind Verpackungen. Meine Plastikpfandflaschen nehmen viel Platz ein, dienen aber als zugeschraubtes Leergut gleich wieder als Auftriebskörper. In Paderborn und Lippe findet sich so gut wie alles, Einkaufswagen, Bierflaschen, Autoreifen, Kühlschränke ... Hier in Holland fällt auf, dass aufgeräumt wird. Das Wasser ist nicht nur zufällig im Weg, wie ab und zu ein Fluss in Deutschland. Es ist Lebensraum und an vielen Stellen höher gelegen als das Land. Schwappte es über, läge der ganze Mist auf dem Land. Sicher gibt es auch hier und da Schmuddelecken. Zum Beispiel Treibgut auf dem High-Way-Channel, dem Augenschein nach Heruntergefallenes, Schüsseln, Blumentöpfe, Trinkflaschen, Wäschestücke. Wundert mich nicht, bei dem Geschaukel kommt manchem Yachtie das abhanden, was nicht angebunden ist. Besonders schick ist meine heutige Strecke. Ein schickes sauberes Boot nach dem anderen, zickig aussehnede, sonnenbebrillte Bugblondinen, die Typen strotzen in vorgetäuschter Coolness, auf dem Waschboard sitzend, Hälschen gereckt, so mancher mit dem Fuß am Steuerrad. Langsame Fahrt ist angesagt: Snellheid vier bis fünf und so tuckern sie an mir vorbei. Es gibt auch kajütlose Boote mit dicken Hanftauen als Rundumfender. In der Mitte ein großer Tisch - Picknickfahrten vorbei an hübschen Gärten, kleinen Schlössern, Herrenhäusern oder Landsitzen. Die meisten rötlich grau geklinkert mit weißen Sprossenfenstern, die senkrecht nach oben geschoben zum Lüften zu öffnen sind. Kunstschmiedeeiserne Tore an den Stegen, schwimmende Bootsgaragen, wie auf Pontons schwimmende Carports, schlicht geschnittene Yachten, die edel in ihrer Redier heiter wirken, ganz im Gegensatz zu den böse aussehenden, spitzkantigen Motordingern mit Überrollbügel und Steuertürmen. Die sehen nach "Platz-da-oder-ich-bügel-dich-platt" aus. Wer es braucht ... Lustig sind die mitfahrenden Frauen und Kinder für mich, die begeistert rufen: ein Kanu, wenn sie an mir vorbeikommen und der jeweilige Käptn tut, als hätte er allerlei zu händeln und fummeln, ganz viel hin und her zu schauen, weil das blöde Peilobjekt im toten Winkel außer Sicht ist. Ich glaube, in Breukelen halt zu machen, festgemacht am Brücken-Wacht-Anleger. Besoge Aspirin in einer Apotheke, die Apothekerin redet gleich sehr sauberes Englisch. Erklärt mir, was ich wo bekomme. Bei "Dirk", einer Supermarktladenkette, finde ich so viel, dass ich eine neue Tasche kaufe. Badesprosse wird wieder gut belastet. Mit Hunger einkaufen ist nie gut. Aber in der Wurstabteilung hatten sie auf Zahnstochern Probierwurst in Röllchen aufgespießt - da habe ich mich ziemlich lange aufgehalten und das Knurren unterm Herzen besänftigt. Lebensmittel erscheinen mir teuer, Essen gehen ist angesichts der Rechnung nachher ziemlich unbefriedigend. Für eine handvoll Gyros mit Pommes, Mayo, salatähnlicher Dekoration und Dosencola zahlte ich 10,80 Euro. Gut, dass ich Platz für Lebensmittel an Bord habe. Doch heute komme ich in arge Unterbringungsprobleme. Ich kann mich kaum noch rühren. An einem Anleger neben einer Selbstbedienungs-Schleuse halte ich an und will mich in die Büsche schlagen, dann schauen, ob es dort auf die Seenreihe Richtung Norden geht. Zum Pinkeln komme ich aber nicht - zu viele Leute, auf der Brücke auch noch Verkehrschaos, weil zwei Lkw nicht aneinander vorbei kommen, an einer Seite ein Transporter mit Anhänger, der rückwärts muss, die Fahradfahrer (sehr viele) sich dazwischen durchmogeln und die Besatzungen der zu schleusenden Boote hin und her die Brücke überqueren, ihre Neugierde auf den Handbetrieb befriedigend, den haltenden Verkehr zum Überschreiten der Straße nutzend. Ich eingeschlossen und wäre fast von einem Rennradfahrer mit Rabobanktrikot überfahren worden. Der war echt schnell. Die Schleuse wurde vollgestopft bis zum Geht-nichts-mehr, ich stecke zwischen Mauer und schräger Bootswand und sehe kaum noch Himmel - zwischengesteckt. Danach geht es scheinbar endlos an bewachsenen Stegparzellen vorbei, die eine Mischung aus Schrebergarten und Campingplatz sind, mit Wiesen und Hecken, davor die Boote oder Yachten. Nach etwa einer halben Stunde Gepaddel längs dieser Parzellen, die auf den See gebaut scheinen, öffnet sich aus den Büschen heraus das freie Wasser. Wind, Segelboote, Wolken. Ich krame die Fock heraus, ziemliches Umgepacke auf freiem Wasser mit Wellen von Wasserskibooten - ich weiß aber seit dem Kanal, dass Badesprosse von sowas völlig unbeeindruckt drüber wegschwimmt. Fock setzen scheint mir aber unmöglich, ohne ums Boot zu schwimmen - also lege ich wild an (kann endlich pinkeln) und bin nach dem Anschekeln richtig aufgeregt. Die Fock hat kaum einen viertel m², zieht mich aber erstaunlich bei vor-halbem Wind nach Norden. Ich paddele dabei und muss kaum Druck aufwenden und das Blatt ist auch schon achterlich. Herrlich. Ich mache Dokufotos und vom tollen Wolkenbild auch. Schnell ziehende Haufenwolken, dazwischen ein graues Band satte Regen- oder Gewitterwolken, paynesgrau vor blauem Himmel. Bei Loenen aan de Vecht ist Schluß. Kinder mit Optimisten wirbeln umher, ich legte an einem Hafen an, überfüllt scheint der See hier mit festgemachten Booten. Man könnte meinen, ein Bootssee mit angelegtem Wasser. Ich frage nach Wegen Richtung Nord durch die Seen. Geht nicht, glaubt einer, nur durch die südlich gelegene Schleuse über den Vecht geht's nach Amsterdam. Ich frage mich weiter durch, komme mitten in die Theorieprüfung einer Segelschule, im Sprachgewirr mit ein paar Jugendlichen kommt heraus, dass ich tatsächlich zurück muß. Na dann. Aber mit Großsegel. Fleißiges Hin- und Hergepacke im Boot, um zwischen dem Gerümpel irgendwelche Aufholbeschläge zu finden. Dann gelingt es nach und nach und habe stolz wie Oskar alle Funktionen klar - auch ohne Seitenschwerter, das hätte mir zu lange gedauert, scheiß was auf Abdrift, ich fahre ja keine Regatta und schwer genug bin ich auch. Ups, hundert, hundertfünfzig Meter weit abgetrieben liegt auf dem Steg das Paddel - man legt unter Segel an ... har har har ... komme mangels Wind da nicht hingekreuzt ... stelle fest, dass Wenden nicht funktioniert, nur Halsen geht. An den Steg gelange ich nur mit dem Stechpaddel. Das habe ich im übrigen dreimal wieder festgemacht, bis ich endlich einsah, das Doppelpaddel vor dem nächsten Abtreiben zu schnappen. Dann aber herrliches Vorwindsegeln, teilweise Schmetterling. Komme an eine Haltestelle zum Anlegen, völlig leer, was mich nach der Besichtigung nicht mehr wundert: die eckig befestigte Insel gehört den Ameisen. Gelange in einen Yachthafen mit angeschlossenem Riesencampingplatz und bekomme es durch Hilfe eines Deutschen hin, dass Badesprosse im Wasser und ich direkt am Hafen zelten darf. Die Fotos von der Segelei im Abendlicht mit den herrlichen Wolken habe ich nur einmal auf dem Display gesehen. Eine nächtliche Augenweide. Beim Löschen eines blöden Möwenbildes hatte ich wohl alle Bilder markiert. Die Kamara meldete den Job erledigt und alle Bilder weg. Die vom Segeln, von den tollen Häusern, sogar einer Kutsche trabend vor Herrenhaus. Nach einigem Geschichtenaustauschen mit den Campingbusdeutschen gabs großes Geschirrabwaschen - Pfanne ohne Spülmittel, hmm, leckeres Gekratze, Müll von drei Tagen weg, Leergut zum Laden, heiße Schokicrossants und Postkarten gekauft - natürlich mit ein paar Motiven von den Herrenhäusern. Trostpflaster. Die Nachbarin meinte, das man nachts um halb drei nun wirklich keine Kameras ins Hafenbecken schleudert, um diese Zeit seien Entscheidungen nie ratsam. Gut die Frau. Aber auch tagsüber gehört meine Kam nicht gewassert. Das Boot ist derart umgeräumt, das ich leicht zum Segeln übergehen kann. Ich starte gleich das Reststück vom Vecht ins Markermeer, der windet sich wie Schlange, werde also nicht viel Nordhöhe machen, aber denke auf Amsterdamhöhe schlafen zu gehen. Flipps bleibt am Mast und ich schmiere mich ordentlich. Die Sonne sticht und ich habe eh schon eine Ledernase. Auf gehts ... Mo |