16. Tag: Zurück zur Schleuse
Geschrieben von Moses (Mail)
Samstag, 15. August 2009 um 09:31

[Freitag, 14. August]

Eine Ente bettelt mich an, ein Minifisch flitscht über windgekräuselten Vecht. 

Mittags gings los und ich dachte guter Dinge. Oder sind meine mentalen Körner aufgebraucht?

Am Vortag hieß es noch, es gäbe nur die eine Schleuse, durch die ich gekommen war. Am Steg und in der Segelschule sagten das alle.

In den kleinen Kanälen zwischen Büschen und Bäumen, parkenden Booten, Yachten und Kähnen, werde ich auf der Hinfahrt den Hafen übersehen haben. Deutliche Hinweisschilder führen zur Schleuse, die aber ganz anders aussieht. Wegführung ist wie Fischreuse. Hafen, Hafenrestaurant, Einkaufsladen, Tankstelle, alle Wasserversorgungen. Dementsprechend voll ist die Sluizenwacht, viele Charterboote, die mit den dicken Hanftauen, von hinten kommt eine riesige Motoryacht und ein Plattbodensegler mit zwei Masten und jugendlicher Crew. Ich paddele langsam weiter und weiß, dass ich als erster reinpaddele und dann gleich vorne beim Tor in der Schleuse bin. Kommt auch so. Die Charterer haben einiges Gehaspel, bis sie losgemacht haben, und so langsam in die Schleuse fahren, dass ihre Ruder kaum Wirkung zeigen, keine Lenkung ohne anströmendes Wasser, da ist es gut, wenn ich nicht zwischen denen herumtreiben muss, und hinten schiebt sich der Bug der Motoryacht durch das Tor, muss an beiden Seiten gesichert werden, so breit ist sie. Dann kommt tatsächlich eine Frau zum Kassieren, bedeutet mir ob des kleinen Bootes zwei Euro für den Schleusengang zu wollen. Voll der Napp, was für ein Stundenlohn - zwei bis drei Schleusungen je Stunde, fünf bis zehn Boote, hauptsächlich Urlauber - ich fühle mich genötigt, stand nichts angeschlagen, in die Reuse gefahren und abgezockt. Stopp, Kajak, schmal, sie fuchtelt mit Ticketzettel, verschiedene Sprachen, das Wort zwei und Euro hintendran, ich stoße mich ab und drehen vor dem Schleusentor, fahre Slalom zwischen den Booten durch, Besatzungen staunen, Ticketfrau wird aufgeregt, die Yacht ist zu Hälfte drin, mit Pfeifen mache ich auf mich aufmerksam, wedele Zeichen, kriege raus, er geht Backbord fest, ich Steuerbord unter seinem Überhang durch und raus.

Ich bin durch eine selbst zu bedienende Minischleuse in diesen See gekommen und in irgendeinem von diesen parallel laufenden Wasserwegen muss die sein. Also gibt es mindestens zwei, und genauso viele km bis aufs freie Seewasser. Dort angekommen kenne ich den See nicht wieder. Wo bin ich hier nur gelandet? Paddele dümmlich rum, studiere viel zu kleine Karte, auf der die vielen kleinen Inseln nicht mal drauf sind, die Sonne steht fast senkrecht, ich finde meinen Standort auf einem Quadratzentimeter. Bei einem Maßstab von 1:250.000 ist das für ein Kajak Wasser in allen Richtungen. Die nahegelegenen Grünstreifen aus Büschen und Bäumen sind nicht unbedingt Ufer und Land, das können auch angelegte Streifen mitten im See sein - Orientierung? Ich sehe, wo ich hinfahre. Ich war auf dem Hinweg zwischen zwei nahe aneinender gelegenen Inseln hindurch zur Segelschule gefahren, so probierte ich es mit Inselzwischenräumen, mittlerweile unter Fock paddelnd, steil am Wind. Segelbootvermietung, navigiert ist, wenn man ankommt, nach dem Weg fragen gildet heute auch. Kriege weitere Insel gezeigt, an der ich rechts vorbei soll und ganz hinten stünde ein Schild zu der Schleuse am Loch in den Büschen. Ich habe sie gefunden, weit im Süden, von Mijnden aus also bis nach Breukelen runter in langen Schlägen aber schneller Fahrt gekreuzt, nur eine Bucht zu früh geschaut, nochmal gefragt, wollten mich sogar abschleppen und gaben mir eine Wäscheleine zum Festhalten. Erst dachte ich, es sei zum Halten während der Erklärungen, aber die fuhrn los - mich seitlich zu schleppen ist auch für ein Motorboot nicht einfach ... ggg .. das hatten sie augenscheinlich unterschätzt.
Boah, was kann man sich über ein dreckiges oranges Segelboot freuen, festgemacht an der Stelle, wo ich das erste mal durch das kaum vier Meter breite Loch in den See geboren wurde. Da stecke ich meinen Bug rein, da gehts um ein paar Ecken, bis meine Kehle einen Angstschrei losläßt: keine zehn Zentimeter, Faltboot gegen Motorboot von Backbord aus einem Büschewinkel tuckernd, Motor heult rückwärts auf, meine Paddel rühren rückwärts. Gut und prompt richtig reagiert der Mann, ich hätte den mit meiner Aluspitze arg zerkratzt. Denke gerade drüber nach, wer eigentlich Vorfahrt hatte. Vielleicht keiner und wir konnten uns an dieser Stelle erst sehen, als die Boote sich quasi schon trafen. Auf Gehör ist in den Gestrüppwegen kein Verlass, es tuckert überall was und er war auf Schleichfahrt - sonst hätte auch nicht mehr aufstoppen können.

An dem großen See fuhr ich nach der kleinen Fähre über den Vecht nach Norden. Hier und da noch eine Prachthütte, drei, vier Windmühlen und die obligaten Bootsschlangen.

In einer war ich zur Brückenfahrt eingereiht, da drängelt sich ein Kutter neben und mich mit seiner Bugwelle an die Seite, habe Mühe, nicht unter sein Schiff zu geraten und er steht dem Vordermann einen halben Meter vor der Badeplattform am Heck dessen Schiffs - optisch war er schon aufgelaufen. Ich fuchtelte und schimpfte, der schaute nicht mal, das machte mich rasend, schlug mit dem Paddel ins Wasser und die von ihm aus ein Stockwerk tiefer umhergegondelten Damen bekamen eine Erfrischung, die jungen quiekten, eine alte hielt den Mund, benahm sich englisch adelig ... zuppelte hier und da ihre Kleidung zurecht, blieb aufrecht sitzen, schaute, aber verzog keine Mine. Er, oben wach geworden, bekam meinen Dank für die Abdrängerei, er quasselte was von dem Ebenweg, wo das kleine Boot durchgehöre, ich deute auf meinen Mast, hat quasi nur einen Meter vierzig, aber passt nun mal nicht unter neunzig Zentimeter niedrige Brücken. Er schaut nach vorn, körpersprachlich: Unterhaltung beendet.
Vor nicht all zu langer Zeit hätte ich ihn an Land zum Duell fordern können, was ein Spass: Paddel gegen Bootshaken vielleicht? Mit dem Paddel verprügele ich jeden.

 

Zur Abendstimmung komme ich dem Amsterdam-Rijn-Kanaal wieder nahe und mache in der Nähe des Ortsschilds von "Nederhorst den Berg" am Ufer fest. Es ist windig geworden und ein wenig schwierig, Badesprosse gegen Luv festzumachen und gleichzeitig gegen Schwelle von vorbeifahrenden Schiffen zu sichern. Es ist bereits acht, habe vier Stunden von der Weersluise gebraucht, die Fock sehen gelassen, und mir die Zeit damit vertrieben, damit das laue Lüftchen meist auf Vorwindsegeln einzufangen.

Die Persenning sichere ich an Land mit einem Gummiseil und macht sie nach unten nahezu dicht. Das Boot liegt durch den Zug ein wenig schräg, stört mich aber nicht sonderlich - eher das Geknister von dem Plastik.
Ich bin im Boot eingeschnürt und mache Kaffee zu Käse und Wurstbroten. Das hantieren mit Brenner, heißem Wasser, ist ziemlich gewagt. Den Schwell eines Bootes balanciere ich in der einen Hand den Topf an der Zange, in der anderen den brennenden Kocher. Ein aufkommender Wadenkrampf durch merkwürdige Sitzhaltung will gelöst werden, die frisch einkantierte Tasse Westernkaffee rutscht samt Sitzbrett vom Süllrand, der Pentrykoffer drückt das ganze Richtung Kiel, Kaffee ergießt sich auf die Schlaf-Isomatte, das Rinnsahl in meine rechte Socke zehenverbrühend. Bloss nicht hecktisch werden, nur weils heiß wird, erst alles wieder sichern, dann das Handtuch opfern zum Kaffeeeinsammeln.

 

Im Morgengrauen war es sehr kalt, geschlafen habe ich nicht besonders gut, Sonnenaufgang fotografiert, in der Persenning ist vom Ufer aus richtig Winddruck, gerade kommt das zweite Motorboot des Morgens, die Fender dienen, das Holzgerippe knatscht im Schwell. Ich packe zusammen, mache mir noch Brote auf den Weg und erreiche hoffentlich heute die Küste zum Binnenmeer. Das Segelabenteuer auf dem See hat gut getan. Lasse mich heute wieder von der Fock ein wenig ziehen.

Gruß Mo

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