17. Tag: Heute Sieger
Geschrieben von Moses (Mail)
Samstag, 15. August 2009 um 23:44

Der Tag fing gar nicht so klasse an. Die Packerei ging mir nicht von der Hand, dafür auf die Nerven. Nachdem der Persenningskram entwickelt, das dazugehörige Leinengestrüpp aufgeschossen, lag Badesprosse nicht mehr so fest. Ich habe Sonnenbrand auf den Oberschenkeln und den Knien. Die Rumkriecherei im Boot macht das nicht gerade angenehm. Die Haut in den Handflächen und den Fingerinnenseiten ist trocken und spröde geworden. Es greift sich nichts wirklich an. Einige Fingernägel habe ich mir nach und nach abgebrochen und die restlichen kurz geschnitten. Irgendetwas aufknibbeln funzt gar nicht. Die erste Woche habe ich noch konsequent die Handflächen mit einem Fußblasenschmierzeug eingerieben. Das fettet nachhaltig.

Das Problem ist aber das Paddel. Es ist bestimmt so alt wie das Boot selber. Zusammengeflickt hatte ich es auf der Grav-Insel mit den Schlauchschelken. Dies hat bisher gut durchgehalten. Die Schaufeln hatte ich an den Kannten geschliffen und dann alles fein mit schwarzem Klebeband geschützt. Vor allem die Schlauchschellen, um mich nicht selbst zu verletzen. Das Klebeband kann das Wasserbaden auf Dauer nicht ab. An den Innenseiten ging es zuerst ab, flatterte dann herum. Erst habe ich immer mal ein Stück abgeschnitten. Bis ich auch das nicht mehr machte und ganze Streifen entfernte. Mittwoch oder Donnerstag ist ein Stück von einer Schaufel abgebrochen. Jetzt fehlt an jeder Seite ein Stück. Eben habe ich ein Hozstück entdeckt, als ich die letzte Gaskartusche aus dem Bugverlies holte. Die Stiele sind das eigentliche Problem. Die Lackierung war nicht dicht. Wasser ist eingedrungen. Das Holz arbeitet, quillt und schwindet, saugt wie Schwamm und trocknet. Der Lack reibt sich immer weiter ab, das Holz bleibt nass und rauh, alles andere als ein Handschmeichler. Und Streicheln läßt sich mit meinen Pranken gerade auch nichts.

Das Schlimmste sind Reißverschlüsse, kein Griff in den Fingern, die Zipper flutschen bei kleinem Widerstand aus den Fingern. Ganz blöd ist es mit der Fototasche. Apparat raus, Foto machen und wieder rein, das dauert. Das muss dringend umgestrickt werden. Feinmotorisch ist auch die Tipperei auf dem Händi. Dauert echt ewig. Zu allem Überfluss war auch noch Flitzekacke in die Hose gegangen. Ein ärgerlicher Umstand, auch so schon, und dann auch noch Klamotten wechseln und waschen. 

 

Der Zeitvertreib mit der Fock beim Paddeln hatte mir gefallen. Heute war es ein wenig frischer und so gönnte ich mir den Spass. Nach und nach muss ich aber feststellen, dass das kleine Tuch enorm entspannend ist. Auch wenn es nur einen km in der Stunde zieht, es bleibt immer Bewegung im Boot.

Es ging los am Ortseingang von Nederhorst den Berg, der Fluss windet sich bis in den schönen Ort Weesp und mündet in das Markermeer, den unteren Teil des IJsselmeeres. Spassvögel hatte ich hauptsächlich mit Spottblicken, waren aber auch Begeisterungen. Meist lauthalsiges Zurufen von niederländischem Wortschwall, ein Fischer übersetzte das seinige, "das hast du dir gut ausgedacht", ein dunkelhäutiger Käptn eines Lastkahns schickte schimpfend zwei weiße Kids wieder nach "Achteren" worauf hin diese schleunigst hinten im Dingi zu sitzen kamen, welches am Kahn im Schlepptau hing. Aber sie fuchtelten und zeigten, worauf hin er deren Aufregung erkannte, zeigte mir eine weiße Zahnreihe, Daumen hoch, erwiderte irgendwas und machte dabei ein Dreieck in die Luft.

Im allgemeinen freuen sich Skipperinnen eher, die Männlichen sind wohl mehr mit ihren PS und Geschwindigkeiten beschäftigt - zu vermuten wäre auch, dass sie es nicht fassen können, dass so ein Miniboot die Angebetete derart begeistert, wohingegen sie sich auf keinen Fall nur wegen der hohen Charterkosten dem Freienden an den Hals wirft, verblendet allen männlichen Unsinn erträgt, sich gefälligst zu freuen hat, dass sie ihm zum Gefallen ihren Körper der Allgemeinheit auf der Bugplattform zur Schau stellen darf.

Segeln auf dem Fluss hat den Vorteil der Vorfahrt. Manchmal ist das ganz lustig, weil ich nur zu gut weiß, wie schnell ich um die Ecke paddeln kann. In Muiden wurde es mal eng, als ein Motoryachty versuchte, mich rechts aus der Schleuse heraus zu überholen. Ich hatte eine Gasse angepeilt, backbord ein langer Pott, steuerbord ein parkendes Schiff, dessen Dingi in der Durchfahrt angebunden dümpelte. Da passte ich durch, der Überholer war auf Kollsionskurs mit dem Motorschlauchboot des Parkenden. Ich pfiff auf den Fingern, laut und schrill, paddelte stumpf weiter.
Der lange Pott hatte losgemacht und schraubte mit dem Heck die Durchfahrt enger, an seinem Bug orderte ein Mitfahrer mehr Raum durch das Bugstrahlruder, der Überholer kratzte fast mein Paddel, zog aber die Notbremse durch Rückwärtsgang, Maschine heult auf, Waserschwell unter dem sich hebenden Heck, der Käptn vom langen Pott sichtet das Treiben unten neben ihm, das erste Mal schaut der Yachty runter, gestikuliert "das war knapp". Was denn? Warscheinlich sein Lack am Bug, aber bestimmt nicht mich eingequetscht zu haben. Ich hatte lägst einen Km weiter angelegt, als der Typ endlich das Gewirr verlassen konnte. Am Schlauchboot mußte selbst ich mit meinen 85 cm Breite das Paddel drüber wegheben und aufpassen, dass ich am Schraubenschwell des Potts vorbeikam. Dazwischen aufstoppen und keine Fahrt zu machen wäre für mich gefährlicher gewesen. Das Ruderblatt macht nichts, wenn da kein Wasser anströmt, im Stehen ist es ein nutzlos hängendes totes Stück Blech. Wenn es eng wird, kann ich mit den Paddeln auch kaum was ausrichten, außer mich damit abzustoßen - was ich gar nicht mag, an Schiffen rumkratzen. Ich hasse es sogar, am Steg anzubuffen - ärgert mich jedes Mal.

An einem langen Teilstück ohne Kurven auf dem Weg nach Muiden war ich genau auf Vorwindkurs (man ist dann vor dem Wind, die Haare flattern also nach vorne), zu faul, das Groß anzuschlagen, segelte ich mit dem Regenschirm, wie es sich zünftigerweise für einen Falter (Faltboot, -fahrer je nachdem) gehört. Kiddies mit Motorboot und Surfboard im Schepptau, beide vielleicht gerade im Schulkindalter, die Jüngere hatte gerade die zweiten Schneidezähne halb draußen, erkundigten sich nach dem Boot. Ich verstand so viel, dass nur unklar war, ob das ein Canoe oder ein Sail sei. Mit Gesten unterstützt erklärte ich beides für richtig, zeigte auf die Großsegelverpackung, erklärte Gaffeltakelung mit Armbewegungen, hob das Paddel und machte Paddelbewegungen in der Luft, dazu sagte ich - Kanu - zeigte wieder auf die Segel, sagte - Segel - und dann noch mal umgekehrt zeigend, aber zusammengefügt gesprochen: Segel-Kanu. Mit Blicken meinen Erklärungen folgend und offen stehenden Mündern hörten sie zu, sagten nichts mehr, drehten ab und brausten davon. Wenig später sah ich wohl Vater und Sohn aus dem Fenster eines Hausbootes schauen, der Junge zeigend und Gaffelarm machend, der Vater glotzt nickend zum Wasser herunter, die Frischbezahnte winkt auf dem Anleger sitzend.

Wenig später ein riesen Wörterschwall und Gewinke aus einem aufgerissenen Hausbootfenster - eine Frau lacht sich schlapp, wiederholt das Gesagte und macht Schirmauf-Bewegungen. Ich winke ihr zu, zeige Regenschirm als Sonnenschirm und dann wieder nach vorn gestreckt als Windfang. Sie freut sich weiter, findet's sicher zum Schreien komisch. Gute-Idee-Rufe oder Daumen-hoch-Zeichen sind dagegen zwar nicht so überschwenglich, lassen meine anfänglichen Albernheiten aber ernsthafter werden, bis ich mich dabei erwische, beim Kreuzen kaum noch Höhe zu machen, soll heißen, ich machte viel Weg durchs Wasser, legte aber auf dem Weg zu meinem Ziel kaum ein paar Meter zurück. Also Segeln auf dem Fluss nur, wenn der Wind wenigstens von der Seite bis achterlich pustet. Sonst sabotiere ich mir mein Vorhaben, Texel zu erreichen, auch noch selber.

 

Disziplin also. Im frühen Nachmittag lege ich in Muiden an. Am Anfang der langen Schutzmole, die in gerader Verlägerung des Vecht aus der Stadt ins Binnenmeer führt, stehe ich toilettensüchtig auf dem Steg und sehe gegenüber auf die Burg. Den Kamera-Akku muß ich schon überlisten - die Nikon löst noch aus, wenn sie grade angemacht worden ist und nur, wenn man manuell einstellt. Der Finger wegen, hinknien mag ich mich auch nicht und das dringende Bedürfnis halten mich vom Dokufoto ab. Es bläst ein feiner Wind.

Mo

Powered by MMS Blog