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Der Wind bläst beim Anlegen Badesprosse vom Steg weg. Fender? - kann ich mit Schwimmen gehen oder an den Mast binden, nicht mal wenn Schiffsschwell kommt, geht das Boot auf Stegberührung. Hatte ich mir Angst machen lassen? Immer wieder, wenn es ums IJsselmeer ging, kamen von den Leuten Bedenken und Schauergeschichten über schlimme Wetter, heftige Wellen - wollten sie mir erzählen, wie fein sie die Situationen gemeistert hatten? Es ist geografisch eigentlich Nordsee, durch Menschenhand mit einem langen Deich abgerungen. Wen wundert es also, dass sich hier der Wind fein aufbauen kann. Holland hat auch nichts bremsendes entgegenzusetzen. Aus dem Hafen fährt ein Segler nach dem anderen, große Schiffe, Yachten, Jollen, Catamarane und von da, wo ich bin, macht sich eine Gruppe Kids bereit, mit ihren Optimisten rauszugehen. Memme oder Kanut, hatte ich schon mal. Memme weil gefroren, vernünftig aber, weil nicht wissend wohin und wann ich kam. Nun stehe ich hier, das kleine Bedürfniss erledigt und schaue auf die Wasserfläche. Eine große Fock hat sich an einem Schiff in der Hafenbox losgerissen, flattert lautstark, sieht aus wie vibrierendes Brett. Ich vermute, dass ich zu bequem bin, mit meinen derangierten Händen aufzuriggen, das Boot segelklar zu machen und beschließen, wieder Segler zu werden. Der Plan: rausfahren unter Fock, aber mit Fußsterung und Doppelpaddel. Richtung Amsterdam, um von dort zu schauen, wie es durch die Kanäle weitergeht. Ich baue die Seitenschwerter an und lasse alles, was lose ist, verschwinden, schaffe Freiraum zwischen Sitz und Mast, ordne die Leinen, binde Fender an, lasse alles angebändselte bis auf das Stechpaddel vom Bug verschwinden und schlage sogar das Groß an, falls ich es doch setzen will. Es irgendwie umzubasteln, dass es gerefft ist, was gehen müßte, wenn ich den Segelkopf nach unten klappe, ersparen ich mir. An die Rundumleine kommen zwei neue Bändsel für das Paddel, nicht zu knapp, damit es schnell und bequem zu befestigen ist. Alle Säcke werden kontrolliert und bekommen ihren Luftanteil - aufmachen und mit Lufteinschluss wieder schließen. Ich denke nur an die Situation, gekentert zu sein oder aus dem Boot zu fallen. Ich gönne mir eine Sicherheitsleine, die am Kielschwein und am Gürtel mit Palstek gesichert ist. Ich kann mich von ihr lösen, wenn ich den Gürtel, dessen Schnalle ein Klappmechanismus ist, öffne. Dazu brauch ich selbst unter Spannung nur einen Finger. Ist zwar kein Lifebelt, aber immerhin etwas. Trotz Wind ist es sehr heiß, aber die Goretex-Windjacke ziehe ich an, wasserdichte Stirnlampe wird nachgezogen und um den Hals gehängt. Der schwere Pantrykoffer wird nicht gesichert. Er wird nur ein paar Minuten schwimmen, wenn überhaupt, und dann untergehen. Erleichtert aber ein Wiederaufrichten bei Kenterung. Falls ich den Gürtel öffne, weil sich meine Sicherheitsleine irgendwo verheddert hat, verliere ich auch das Letherman-Messer, bändsele daher das große Bowiemesser so an, dass ich es auch unter Wasser leicht finde. Stelle mir vor, dass ich gekentert bin und wegen des Baumwollsegels, Wind und Wellen das Boot nicht wieder umdrehen kann und ich in dem Gewirr von den vielen Leinen nicht mehr zurecht komme. In dem Fall will ich das ganze Segel abtrennen können. Ein Mann zeigt mir seine feine Seekarte und ich schaue mir die entsprechenden Landmarken nach Amsterdam an. Von Muiden westlich, steil am Wind, eine kleine Insel links liegen lassen, vielleicht sogar links daran vorbei, habe ja keine wirklichen Tiefgangprobleme, dann auf Verkehrstrennungsgebiet zu, eine lange Mole säumt dieses nach Amsterdam rein, muß also umfahren werden. Auf den Leuchtturm zu, den man von da aus sehen kann. Ich bin soweit. Habe jetzt nicht alle vorbereitenden Kleinigkeiten beschrieben. Übrig ist nur noch das Losmachen. Habe Respekt. Der Wind rauscht, sitze, habe lose, treibe ins Schilf, stoße rückwärts, komme ins Fahrwasser, verschwinde hinter Bojenkette, lasse Motorende vorbei, stetze Fock, halber Wind von Backbord. Am Ende der Mole freche Kursänderung von Nord auf West, Fock flattert in den Wind geschossen, Entgegenkommer gewährt mir Raum, bin aber schnell weggepaddelt. Welle etwa halber Meter. Die meisten fahren gerefft (verkleinerte Segelfläche) gegenan, etliche nur unter Fock. Peilung ist gut, gewünschter Kurs geht gerade an der harten Windkante, der äußerste Winkel, den Badesprosse laufen kann. Die Fock reißt mächtig, zieht auch, ich mache Spur im Wasser - oder kommt das von den durchlaufenden Wellen? Bug taucht immer wieder ein, holt Wasser, läuft gut und schnell vom Oberdeck, nur vom Paddel kommt enom viel Spritzwasser. Die Optigruppe kreiselt fein umher, ein Zweimaster-Plattbodenschiff setzt Großsegel und Badesprosse stampft. Bald bin ich auf Höhe der kleinen Insel und sehe fern Lastschiffe im Trennungsgebiet. Bin sehr ruhig, obwohl die Welle ähnlich wächst wie auf dem Amsterdam-Rijn-Kanaal, wenn Schiffe kamen, welches nur gleichmäßig und ohne dass sich auftürmende Gekreuze und Amplituden erhöhende, dafür aber mit Schaumkrönchen hier und da. Schaumkrönchen? Bei wieviel Wind entstehen die .... habe ich vergessen. Erreiche das Trennungsgebiet, auf einer großen Segelyacht ist die Crew aus dem Häuschen, fahren nah an mir vorbei, machen aber mehr Höhe auf Amsterdam. Ahoi ruft der Skipper in der Pflicht, gibt Komandos und es ertönt dreimal "Hoi, Hoi, Hoi ...", die Crew als Chor vereint ruft's und alle recken die Arme gegen Himmel. Mir geht das Herz auf, salutiere Hand an Stirn, winke mit gestrecktem Arm und passiere die rote Tonne Nr. 14. Nun mache ich doch Fotos und quere das Trennungsgebiet und erreiche etwas Landabdeckung nahe Durgerdam. Nach Amsterdam zu kreuzen und immer wieder durchs Teennungsdebiet zu müssen, habe ich keine Lust. Dafür haspele ich mir eine zurecht, bemüht Groß zu setzen. Das rauscht gleich aus, und Badesprosse geht von selbst auf Vorwindkurs. Erstaunlich das Ding. Die obere Gaffelklemme ist nicht fest, das Segel nicht ganz oben, der Aufhapler klemmt irgendwo, die Fock schlägt ins Lee des Groß. Klariere erstmal das Leinendurcheinander im Fußraum vor dem Mast. Ganz schön viele: Zwei Aufhohler, ein Baumniederhalter, die Großschot mit den Rollen, die beiden Fockschote, das Bündel mit dem Festmacher, rechts und links am Süllrand die Rundumleine, die Sicherheitsleine, die beiden Festmacher vom Paddel und die beiden Züge von den Pedalen zum Ruder. Das Groß kriege ich oben doch noch angeschlagen, Badesprosse schaukelt zwar, stampft aber nicht. Herrliches Vorwindsegeln geht los. Die Welle normal keinen Meter, in Böen aber durchaus über einen Meter auftürmend, läuft unter mir durch bis auf Sitzhöhe, dann kriege ich einen mächtigen Schub, weil der Bug dann meist noch in der vorderen Welle unter Wasser steckt, die Welle bricht dann, wie es die Surfer mit ihren Boards anstellen, benimmt sich auch Badesprosse. In den Böen bin ich immer am Rande des Surfens. Wenn ich nicht so schwer wäre, würde das vielleicht sogar glücken. Die Seitenschwerter hole ich so weit auf, dass sie wie zwei Finnen durchs Wasser ziehen, muß an zwei Fischerstellen auf halben Wind Ost und erreiche einen nördlichen Hafen unter Vorbesegelung in die Einfahrt unter Fock hinein und stehe bereits um sieben Uhr an der Rezeption. Unter Boot steht auf der Quitung Padesprosse aus Padaborn, ich grinse und lasse das natürlich so stehen. Bin in ausgesprochener Feierlaune und erfahre, das morgen der Wind noch günstig für Nordfahrt ist, 3 - 4 bf. Was hatten wir denn heute, wollte ich wissen, 5 bf, sagt die Frau, in Böen 6 bf ... Mir fällt die Kinnlade runter, dann breites Grinsen und mir ist der Zehner fürs Bootparken sowas von Wurscht. Ich bin etwas nördlich des Örtchens Uitdam - Campinghafen. Ein Problem muss nur dringend gelöst werden, die Steuerpedale verklemmen sich, bekomme kaum einen Winkel in das Ruderblatt, habe bisher mit der Großschot die Drehungen auf den Wellenkämmen ausgeglichen ... Jetzt war Schreibpause. Seitenschwertaufhängung ist so weit wie möglich nach hinten versetzt und der Klemmholm darunter gedreht. Die Pedale sind nun vollständig frei beweglich. In der Zwischenzeit war das Händi auf der Mythos zum Laden. Nach meiner Einpackerei bin ich wieder hin. Großes Händi-Gesuche. "Sorry, misscommunication on board, it did not charch". Na klasse, sie klemmen es nochmal an und machen ihr Schiff segelklar. Ich drehe Zigaretten auf Halde und warte, kontrolliere nochmal alle Leinen, fülle den Wasserkanister voller auf und platziere ihn wieder am Mast - vielleicht hilft das ein wenig, die Lasten auszugleichen. Bekomme Händi gebracht, Mythos klar zum Auslaufen, will vor dem wasserdichten Verpacken im Jogurteimer noch dieses Mail schicken, jedoch Alarm: Strom fehlt ... es hatte gar nicht geladen. Haben die vielleicht einen Umschalter von Landstrom auf Batterie und vergessen umzuschalten? Geladen war hier jedenfalls nichts. Die laufen aus und ich zum Waschraum zur Steckdose Rasierapparat - bleibe aber keine zehn Meter weiter am Lifebelt hägen, Badesprosse muckt auf, ich in der Kurve am Stegende abkürzend fast ins Wasser geflogen. Das Wetter ist heiter und der Wind ist seit etwa einer Stunde da. Ich rauschen nun ab, versuche einen nördlichen Ort zu erreichen, wo geschleust werden muss. Irgendwas mit E., Eickendam oder so ... die Karte ist im Boot. Also geladen ist das Händi nicht. Wenn heute Abend keine Nachricht, erstmal nicht sorgen, Webbie. Vielleicht schafft das Ding ja wenigstens ein ok. Also bis denne. Mo PS.: Hafenmeister meldete, ich wär der zweite mit Kajak dieses Jahr ... |