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Enkhuizen, Nordseite, privater Campingplatz, Enkhuizerzand, nicht für Passanten. Mit einem Kauderwelsch aus Deutsch, Englisch und einigen Worten niederländisch, die ich aufgeschschnappt habe, erklärte ich einem gemütlich beim Wein sitzenden Paar meine Situation. Es muss so zwischen halb acht und acht gewesen sein, als ich in der ersten Bucht nordöstlich von Enkhuizen an den Steg kam. Ich brauchte fünf lange Schläge gegen den ablandigen Wind. Badesprosse läßt sich nicht wenden, das heißt, ich kann nicht mit der Bugspitze durch den Wind drehen, damit die Segel auf die andere Seite kommen können und mich so im Zick-Zack-Kurs an eine Stelle bewegen, die gegen den Wind liegt. Man fährt dabei sozusagen wie waagerechte Serpentinen, statt bergauf eben gegen die Windrichtung. Direkt auf einen steilen Berg hoch geht's manchmal genauso wenig wie gegen die Windrichtung. Die Kurven der Serpentinen sind mit der Richtungsänderung auf dem Wasser mit einer Wende zu vergleichen. Badesprosse kann das nicht. Sobald der Bug annähernd gegen den Wind steht, schießt sie auf und fällt gleich wieder ab. Würde das Boot genug Geschwindigkeit haben oder die Ruderwirkung besser sein, könnte das Boot durch den Wind von der einen zur anderen Seite tauchen, und damit auch die Segel auf die andere Seite wechseln. Ich muß immer eine Halse fahren, also um die Richtung beim Kreuzen zu ändern, das Boot mit dem Heck durch den Wind drehen. Das dauert nicht nur länger, sondern ist auch ein längerer Weg, bei dem man an Höhe verliert. Mit Höhe meint man hier die erreichte Strecke gegen die Windrichtung. Beim Halsen fahre ich einen dreiviertel Kreis entgegengesetzt zum Fahrziel, wobei man manchmal einen großen Teil der Höhe wieder verliert. Beim Wenden passiert das nicht, weil da die Richtungsänderung ohne den Kringel nach hinten, quasi auf der Stelle stattfindet. Dass Enkhuizerzand kein Zeltplatz für Durchreisende ist, wurde mir schon beim Annähern klar, aber ich hätte notfalls geankert, trotz Schwell und einer Menge Wasser im Boot. Heute morgen kein Tau im Zelt, das ist selten. Bin froh, den Ersatzschlafsack mitgenommen zu haben. Als Ersatz benutze ich den besseren. Der andere ist einer von einem Kaffeeröster, ziemlich voluminös und gestern ein nasser schwerer Lappen, der zum Trocknen auf dem Paddel hängt, das schräg am Zaun gelehnt ist. Habe bereits die dritte Kaffeekochaktion, habe mich wohl erkältet, alle Atemwege streikten heute morgen und der Kopfschmerz gesellte sich dazu - ein Gefühlszustand wie ein gut gehender Saufkater. Badesprosse habe ich eben besucht, in der Zwischenzeit ein wenig Strom getankt. Das Boot ist zwischen den vielen Holzsprossen pottendreckig, Kniest aus Sand, Schlick, Industriewasser. In dieser Ursuppe das Leinendurcheinander. Habe erstmal gründlich Wasser aufgesaugt, Segel und Leinen klariert. Die nassen Schuhe in die Sonne gestellt. An der Rezeption war noch keiner. Bezahlen kann ich also noch nicht. Das IJsselmeer macht einen friedlichen Eindruck. Spiegelglatt und kein Wind. Segeln geht noch nicht. Muss wohl paddeln. Denke, ich werde in der Zwischenzeit die ausgerissene Seitenschwerthalterung reparieren, an der die Großschot befestigt ist. Wenn die ganz aufgibt, bin ich während der Fahrt manövrierunfähig, denn darunter befindet sich die Pedalsteuerung mit den Zügen zum Ruder. Die Boote liegen hier aufgestelzt auf Hilfsstegen, gegen den Schwell gesichert. Als ich Badesprosse herauszerrte, war ich immer noch klatschen nass und am zittern. Zwei Frauen und ein Mann halfen ihr auf den Steg. Nach einer langen und sehr heißen Dusche kam ich zurück zu dem Platz, wo mein Haufen Ausrüstung herumlag und auf Zelteinrichten wartete. Das Licht ging schon an und ich legte die Sachen auf das ausgebreitete Zelt, zog das ganze unter eine Straßenlaterne über die Wiese. Die Mücken umschwirren die Laternen und ein Paar Spinnen habens leicht, bauen mehrere Ebenen Netz, dreidimensional. Heute morgen bewegten sich Drosseln über die obere Querstange der Zaunbegrenzung und pickten alle paar Zentimeter Insekten aus den Spinnennetzen unter Ihnen. Frühstück sozusagen. Der Törn von gestern war schlimmer als der nach Uitdam. Die fünf Stunden bis zur Schleuse war eine einzige Wellenbeobachtung nach achtern. Das ist deswegen anstrengend, weil ich die Fußsteuerung bedienen muss und deshalb nicht quer im Boot sitzen kann. Jede Welle muss abgeritten werden. Volle Aufmerksamkeit. Wenn die hohen Sets anrollen, der Bug noch voll unter Wasser steckt, das Ruderblatt keinen Druck mehr hat und aus dem Wasser hängt, läßt sich nur noch durch Fieren oder Dichtholen lenken. Badesprosse macht dabei Kopfstand, was zur Folge hat, dass sich auch der Winkel des Segels zum Wind ändert. In der Regel lasse ich die Welle achterlich, also leicht schräg von hinten durchlaufen, dann kann ich einen kurzen Moment schräg die Welle herunterfahren. Es ist sehr schwer, den Winkel hinzukriegen, bei dem man gut Fahrt macht. Läuft die Welle genau in Fahrtrichtung, bricht sie auf Höhe der Sitzluke. Das gibt einen Schwell Wasser ins Boot. Manchmal komme ich beim Abreiten der Welle annähernd parallel zum Kamm. Wenn diese sich gerade zum Brechen auftürmt, zieht sie sich steil das Wasser hoch und der brechende Kamm kommt von der Seite. Das aufgenommene Wasser ist dabei weniger wild als das Drehmoment zur Kenterung. Das Boot ist eh schon gekrängt, die Welle hebt es in den Wind, das Segel bekommt mehr Druck - wenn ich dann nicht fiere, kentere ich. Es ist wie Rodeo. Man weiß, dass es buckelt, der Zügel ist die Großschot, die Ruderpedale die Steigbügel, das Wellenrauschen der Applaus von den Zuschauern, der Wind ein einziger Rausch, das Knatschen und Knarren der Spanten, das Stampfen des Bugs wie die Hufschläge, Gischt ersetzt den Staub. Die vier Windräder, die ich der Stadt Hoorn zugeordnet hatte, aber zu Enkhuizen gehören, wollen einfach nicht größer werden, bleiben nebulös lange Zeit. Eine Yacht unter Groß und Spinnacker überholt eine Bootsläge entfernt, ich rufe, versuche mit Zeichen "Hoorn?" deute in die Richtung. Einer macht Kreisbewegung mit dem Finger Richtung seines Ohrs, versteht nichts, die anderen machen nichts, nur Ihre Körper schaukeln vor und zurück. Ein Schiff mit roten Segeln verfolge ich seit Stunden, ist langsam wie ich, aber fast am Horizont. Zwischen den anrollenden Wellensets ist ab und zu nur ein Meter Dünung, dann greife ich nach hinten unten nach einem Brot. Bis ich das endlich erfummelt habe, kommt aber schon der nächste Ritt, denke aber Essen ist superwichtig. Warm bleiben, Konzentration halten. An den Windmühlen trennt sich Berufsschiffahrt von den Sportlern. Ich muss Pinkeln. Ganz schlimm. Eine Freundin verriet mir den Trick, wie man der Blase über den Berg hilft, eine Kippbewegung des Beckens, die es dann erlaubt, noch auszuhalten. Das ging aber auch nicht mehr. Das Boot eine Badewanne, trotz immer wieder mit dem Schwamm geleert, tanzt im Schwell, ich stehe, müsste eigentlich tanzen, so muss ich und hole die Segel ein, löse das Paddel, benutze den gleichen Tampen für das Segel, und versuche an der Mole anzulegen - zu viel Schwell und kantige Steine. Paddele in die geschützte Bucht, endlich Erleichterung! Hach! Danach komme ich paddelnd nicht aus der Bucht, setze das Groß, zieht mich nicht gegen an, nehme Fock dazu, kriege gut Fahrt. Plötzlich hakt die Gaffelklemme aus, das Segel steht nicht mehr, erst recht keine Wende mehr, der Hafen will mich gefangen nehmen, ich halse den Ringeltanz und schaffe es. Einem Trimaran folge ich mit geblähtem Segel, die Gaffelklemme ausgehakt. An der Schleusenampel bekomme ich es kaum eingeholt, in der Gasse weht's wie ein Fön. Bis ich fertig bin, ist der Trimaran (einhandgesegelt) weg, die Tore wieder zu und ich treibe umher, meine Klotten ordnend. Das ganze Segelgeraffel stört beim Paddeln. Nach dem Schleusen wird mir das Paddeln zu blöd, setze wieder die Fock, zieht mich aber nicht auf den alten Hafen zu, hebe die Gaffel und komme hin, drehe am Eingang ab, sehe mehr Segelmasten am anderen Hafenbecken. Setze wieder Groß, drehe eine Runde durch den Hafen und verschwinde in die oben beschriebene Bucht. Jetzt ist's ungefähr 13 Uhr. Das meiste ist wieder getrocknet, Badesprosse wieder klar, und die Salupotthavarie im Pentrykoffer entfernt. Meine Texelreise hat sich hier rumgesprochen. Die Mutter der Frau, die gestern mit ihrem Mann den Kontakt zum Manager herstellte, fragte nach: "Aber Sie wollen nicht nach Texel?! Nicht ins Wattenmeer damit?" und zeigt auf Badesprosse. Nun, vorgestern waren 5, in Böen 6 bf, gestern sollten 3 - 4 bf sein, fand ich aber schlimmer - jedenfalls nicht so lustig wie am Vortag. Badesprosse hat ein Segel, das für 2, höchstens 3 ausgelegt sein soll. Das hatte ich aber erheblich kleiner gechnitten und das Boot ist superschwer. Unter Land fahre ich von Oosterdijk über Onderdijk nach Medemblik. Das soll reichen für heute. Ich bin entspannt und ausgeglichen. |