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Für Mittwoch die Abschrift aus dem Logbuch: 11 Uhr Badesprosse seeklar. Fehlt noch Wasserballast. Marianne kommt vorbei und schnappt sich meine Mülltüte, was mir bestimmt 10 Minuten Latscherei erspart. Bedankt! Törnbesprechung mit Ton. Hat mir Karte als Speakzettel gezeichnet. Schauen die Originalkarten durch, besprechen Tidenzeiten und deren Wirkung. 12 Uhr Abgelegt und viel Gewinke, Abschiedsfoto, Aufheißen im Vorhafen, albernes Rumgehalse und grade so raus. 13 Uhr Am Kap, das ich vor zwei Tagen nicht runden konnte (Enkhuizerzand, weißes Haus). Vorwind, sehr gemächlich, weiter draußen viele Boote. Ein Fischer überholt, gefolgt von Mövenschwarm. Bleibe fast stehen, stelle Segel weit raus. Butterflysegeln funktionierte mit Pinne zum Ausstellen der Fock. 13:30 Uhr Gehe nach und nach auf Raum bis halbem Wind, Seitenschwerter schleifen durchs Wasser, spielen Finne. Bin an dem Weißen Haus vorbei; zwei Windkrafträder - könnte sein, dass die auf der Vogelschutzinsel stehen; wenn ja, dann passiere ich die nun rechts, vorgesehen war links. Ein Kirchturm taucht aus dem Dunst auf - vielleicht Medemblik? Die vielen "Vielleichts" machen mir keine Sorgen. Ton hat, nachdem Marianne mich über Seemannschaft ausgequetscht hatte, Pyrotechnik herausgekramt. Sei nur Rauch, ginge auch nicht einfach los beim Nasswerden. Ich ließ sie aber lieber da. Position übermitteln geht auch mit Händi und dessen Koordinatenanzeige über Tom Tom. Habe ich bisher aber nicht zur Navigation benutzt. Kleiner Plattbodensegler, schwarzer Rumpf und schicke rote Segel, Kajüte, bestimmt unter 10 m über alles. Der könnte mir gefallen. [Foto gemacht] 14:10 Uhr Steuerbord quer ab, helle kurze Linie am Horizont, weiter weg als Land Backbord querab, voraus Windkrafträder, Sonne steht Backbord querab. Kann den Sendemast von Den Oever noch nicht ausmachen, habe halben Wind südlich, vieleicht 2 bf. Voraus ist gerade ein Katamaran gekentert. Atmosphäre Der Wasserkanister schwappt asyncron zur Welle, dessen Geschaukel bremst - so zumindest mein Eindruck. Das neue Seitenschwert steht im Wasser und hat mächtig viel Arbeit, biegt sich wie Flitzebogen genau an der Stelle, wo das alte gebrochen war am stärksten. Zu Marianne sagte ich noch, ich werde Mittagessen an der Vogelinsel - Ton darauf: Vielleicht ... (!) Land Backbord verspringt zum Horizont. Wellenbild schlagartig anders. Da ist bestimmt Medemblik, wo ich im Dunst einen Mastenhaufen ausmache. Badesprosse macht nun richtig Fahrt. Für halben Wind ist das Segel etwas weit gefiert, aber das stresst nicht so. 15:50 Uhr Badesprosse ist Wellenwiege. Versuche über Autokarte Position zu entschlüsseln. Der Mastenwald gehörte bestimmt zu Wevershoof oder Onderdijk. Wenn das stimmt, dann ist Medemblik genau voraus. Schiff mit drei roten Segeln auf Kollisionskurs, angeluvt und ausgewichen, haben mich bestimmt nicht gesehen. Die "Maximum" überholt steuerbord - Badesprosse knatscht in dessen Welle. Beschließe Pinkelaktion und gehe dann wieder auf Vorwind. Erledigt. Kleine grüne Fliegen/Mücken nerven rum, lassen sich durrch Rauchen nicht beeindrucken. [am Heftrand ist ein Schmierfleck wie aus Nase, ein Pfeil zeigt drauf und dran steht: tot!] Suche Autan. Zwei Flaschen habe ich, eine ist mit Sicherheit im Zelt. Es sind nicht nur einzelne, es ist ein Schwarm. Das Mückengeräusch in den Ohren nervt. Was wollen die in meinem Gehörgang? 15:20 Uhr Immer mehr Mücken. Segel gesprenkelt von denen. Einen Liter Trinkjoghurt Himbergeschmack aufgenommen. Schmeckt irgendwie identisch mit Bauernjoghurt nur dünnflüssig. Wohl alles der gleiche Aromamix. Mache kaum Fahrt. 17:00 Uhr Bin jetzt zwei Stunden unter Segeln gepaddelt. Anfangs plötzlich Wind von vorn - Drehung um 180° ... ??? Fahre immer noch auf große Gebäude zu. Habe noch keinen Funkturm/Sendemast enddeckt. Auf der Straßenkarte sind keine großen Gebäudekomplexe eingezeichnet. Stehe auf der Stelle. Schiff angekreuzt, extra auf Kollisionskurs. Sammelzeichen aus Segelschule gemacht (Handkreisen zum Himmel). Keine Reaktion. Komme bisvauf 10 m ran, rufe "Den Oever???" Der macht Zeichen, dass er nichts versteht, segelt Vorwind (mir entgegen) unter Motor, fletzt sich mittschiffs sonnenbadend, keiner in der Pflicht. Vollautomat. [ob Schiff oder sein Käptn, kann man frei wählen]. Pinkelpause. Schreiben: Versuche Landzunge mit Gebäuden zu runden. [Foto] Kaum Wind. Kreuzen nur mit Paddel möglich. 17:45 Uhr Großer Zweimaster in Sicht. Keine Segel. Motort. Glaube der, der mich morgens verdrängte. War abgefallen, um dem Platz machen. Skipper rief mir irgendwas zu. Denke er meinte, wenn ich nach steuerbord abfalle, bin ich in Lee seines Potts und bleibe stehen. Da hatte er recht. Nur bin ich andererseits so langsam, dass ich mit Anluven nicht vor ihm hergekommen wäre. Aus einem kleinen Boot sieht eine solche Überholaktion wesentlich bedrohlicher aus, als für den oben stehenden. Ich kann nicht abschätzen, wie schnell der ist, er kann mich genauer einschätzen. Sonne steht Backbord querab. Also grob West. Bleibe unter Landsicht ufernah. 18:10 Uhr Bin um die Landnase rum, viel gepaddelt. Sehe endlich langen Funkturm. Peile Lastschiffe am Horizont, steuerbord voraus, 2 Uhr. Aus der Richtung nun auch die Windwellen. Die Mücken sind weg! ~staun~ Nehme neuen Kurs, Funkturm aufs Korn. In diesem Fall der Mast; Kimme bildet das imaginäre V aus den sich rechts/links hebenden Paddelenden. So schieße ich dahin. Denke an den alten Gag von Otto Walkes: Wir damals in Urlaub, ich auf Wasserskiern, und du vorne im Boot, rudertest wie wild ... 19:30 Uhr Funkturm aufs Korn hat wegen Wind nicht geklappt. Gerate immer näher ans befestigte Ufer hinter der Jonkers-Werft, kann dem Möwenschwarm auf den Steinen in die Iris sehen. Ein paar Jungs donnerten mit ihren Wassermotorrädern herum. Habe weiten Schlag aufs Wasser heraus gemacht. Habe nun das Windkraftwerk hinter Jonkers auf Bootshöhe. Wind immer noch etwa 2 Uhr. Bin so weit rausgefahren, das ich ohne weitere Wende den Funkturm anlaufen kann. Dümpele darauf zu. Höre ab und zu immer noch das Aufheulen von den Wassermotorrädern. Oh, Abwechslung: Ein Treibholz. Wie aufregend doch ein dunkler, durchnässter, alter Ast von Beinesläge sein kann. Steuerbord querab ein dunkler Frachter, vorn und hinten gelb, von der Abendsonne angestrahlt. Es ist sehr friedlich. Könnte einschlafen. Ein Kutter hat eben die Segel eingeholt und war schnell verschwunden. Badesprosse macht nur ein leises Plätschern, so etwa, wie wenn man sich in der Badewanne bewegt, oder einen Arm aus dem Badewasser hebt, das ablaufende Wasser Geräusche macht, und sie knatscht, wenn sie sich durch die Wellen windet. Mittschiffs ist sie sehr weich geworden. Hat wohl durch die Beanspruchung eine Hautdehnung hinter sich, oder/und die Holme, Streben und Spanten sind durchnässt, geschmeidiger geworden, als in Bug und Heck. Heute gabs kein Adrenalin beim Segeln. Geduld ist gefragt. Bei schwachem Wind zu Segeln sei schwer, bei starkem kommt jeder irgendwie voran. Ob es daran liegt, dass mann dann so viel Geduld braucht? Es schwimmen Bläschen auf dem Wasser, die unter Schrittgeschwindigkeit am Boot vorbeiziehen. Am Ufer schieben sich die Landschaftsstrukturen kaum merklich übereinander. Nur an markanten Stellen zu erkennen, ein naher Baum schiebt sich vor eine entferntere Buschkette. Zumindest mache ich Fahrt über Grund und es ist nicht nur Wasser, das durch die Bläschen erkennbar unter mir durchfließt. Bin froh über meine Mini-Umlenkrollen: Hülsen, die drehbar um den Schaft von Schrauben gestülpt sind. Sie ersparen viel Kraft, die das Segel auf die Großschot ausübt. Ich lenke die Schot an der Segelseite um, führe sie zur gegenüber liegenden Rolle und mache sie dort fest. So habe ich beide Hände frei. Ich sitze wie auf einem Liegefahrrad, mit den Fußpedalen bewege ich das Ruderblatt. Von den Pedalen laufen Zeltspannschnüre aufs Achterdeck zu einem drehbaren Aluminiumlenker. Von dort aus wiederum Schnüre zum Ruderblatt. Der schwarzgelbe Frachter quert gleich meinen Kurs, ist aber bestimmt 2 km weg. Backbord die Sonne bei ausgestrecktem Arm nur noch eine Handbreit über dem Horizont. Segler sehe ich keine mehr. Wenn ich früher vom Strand aus nur 50 m rausschwamm, stellte sich schon ein beunruhigendes Gefühl ein. Im Boot empffinde ich es genau umgekehrt, wenn es nicht gerade das Ziel ist. 19:55 Uhr Das letzte von sechs Schinkenbroten gegessen. Mal wieder Wasser gelassen. Der große Schlag aufs Wasser war gut. Wind: keine Flaute, aber das Wasser kräuselt sich nicht einmal. Es wird kühl. Habe Pullover rausgekramt und unter die Jacke gezogen. Am Horizont wird nach und nach der Damm sichtbar. Er ist Autostraße und die Trennung zwischen IJsselmeer und Wattenmeer, der Nordsee. Das IJsselmeer war früher Teil des Wattenmeers und ist durch die Trennung nun entsalzt. Früher haben hier die Fischer vom Hering gelebt. Süßwasserfische siedelten sich an, der Hering verschwand, Räucherfisch ist angesagt, z. B. Aale. An manchen Stellen wächst viel Kraut. Zu sehen bei den Untiefen. Mancher Yachtie musste seine Schraube schon von dem Zeug befreien. In den Häfen sieht man hier und da auch starken Bewuchs an den Rümpfen. Ich mag nicht mehr Paddeln. Es ist 20 Uhr. Spätestens in einer halben Stunde muß ich dann wohl doch. Etwa halbe Paddelgeschwindigkeit, ca. 2 km oder 1 kn schafft Badesprosse bei diesem Lüftchen auf fast halben Wind. Wach bleiben! 20:40 Uhr Ein Motorboot kommt achtern heran. Stoppt fast auf. Entweder sind sie Neugierig oder sie schauen ob alles in Ordnung ist. Es ist die Foggy Bottom. Mache das Padel los und beginne zu Paddeln. Foggy nimmt wieder Fahrt auf und verschwindet. 21:10 Uhr Sonnenuntergang aus meiner Sicht - meint, die Scheibe ist weg. Setze zwei SMS Nachrichten ab: Hafen in Sicht. Peile Einfahrtsbeleuchtung. Versuche Fotos von Tonnen zu machen, verwackelt alles. Lasse das dann sein. 21:45 Uhr Erreiche Hafen Den Oever. Frage Crew eines deutsch beflaggten Schiffs nach Liegeplatz für meine Größe. Kann um die Stege herum segeln, sehe Meldesteg, schön niedrig, Backbordwind treibt mich die letzten Meter fast parallel zum Steg. Fiere Segel, der Bug macht "pöck" am Holzsteg, lasse Segel wie Jalousien herunter, begrüße zwei verdutzte Männer in Boot auf der anderen Stegseite über mein gefallenes Segel hinweg. Bühnenvorhang verkehrtrum. Die beiden kommen von ihrem Boot. Badesprosse erklären, von wo nach wo. Nach Texel? Aber der Strom? Entkräftet. Und Gewitter? Morgen wird es also wieder Wind geben - feine Sache. Mache zunächst provisorisch fest und verschwinde zu den sanitären Gebäuden. Die beiden wollen auch nach Texel und früh los. Das macht richtig Sinn. Wenn kch früh los will, muss ich mir einen Persenningaufbau sparen. Kein Dachaufbau über das Boot. Kein langes Herumgekoche mehr. Binde das zusammengelegte Groß senkrecht an den Mast, lege mich mit Bug in den Wind, fendere zu Steg hin ab, das Gestrippe verschwindet unter der Schwerthalterung, die Großschott bleibt angeschlagen, der Pantrykoffer steht auf dem Steg, die Sitz-Isomatte wird ausgeklappt und ober das Bilgenwasser gelegt, darüber die Schlaf-Isomatte, das Zelt wird für Liegeplatz ins Heck verbannt und ich schlüpfe in den Schlafsack. Die Füße unterm Heckdeck passe ich gerade mit dem Kopf am Querholm für die Seitenschwerter vorbei. Rechts und links ist es eng, aber nicht beengt, mein Dach heute Nacht, die Sterne. Überlege, Bild davon zu machen: Kamera auf Steg, Langzeitbelichtung mit Weitwinkel, bewegte Masten unter Sternenlichtspuren, Kreisbögen beschreibend. Das juckt mich, beherrsche mich aber, stelle Radiowecker. Bin im Kokon, der durch den Schwell ganz sanft gewiegt wird. Wohlbehagen. Schlafen nach einem langen Stück Arbeit im richtigen Hafen. |