12. Tag: Noch ein Antwort-SMS
Geschrieben von Moses (SMS)
Montag, 10. August 2009 um 23:40

Na, auch auf die Hochwurzen gespuckt? 

Habe riesen Empfangsprobleme. Dauernd neu laden, IE fliegt immer wieder aus dem Netz ... für zwei ziemlich kurze Texte seit zwanzig nach neun am wurschteln ...

Zeigefinger spuckt Eiter aus Nagelbett - heißt wohl, die Entzündung schleicht sich ...

Grüße zurück ... ich schaufele weiter Wasser ... Mo 

 
13. Tag: Bewegte Kanalstrecke nach Utrecht
Geschrieben von Moses (Mail)
Mittwoch, 12. August 2009 um 10:46

5:30 Uhr: Wecker klingelt und tatsächlich aufgestanden, Frühstück aus Zigarrenbrot, Kaffee war viel zu dünn, Zelt nass, fühle mich schmierig, gehe zu den Waschräumen und freue mich über einen nicht genutzten Jeton, der aus Duschunlust übrig geblieben war. Da noch alles schlief, wäre kalt Duschen dran gewesen.

Verpacken meines üppigen Gerödels ging schnell, mache Fotos von den Pfützen im Boot.
Ruder geflickt, das Gewackel mit Klett-Flausch-Kabelordner vom Computer gewickelt. Dazu musste Badesprosse in eine günstige Position, damit mir die Einzelteile nicht in den Rijn fallen. Zusätzlich eine Aufholleine installiert, damit's nicht wieder Ärger beim Anlegen gibt.
Leinen und Fingerverband klariert, auf Regen vorbereitete Persenning hinten und vorn.
Finger sifft mit gelbem Eiter rum, beim Basteln ein paar Mal bös angestoßen ~aufeinembeinimkreishüpf~

9:25 Uhr: Abfahrt mit Van-Nelle-Gedrehter am Zahn Richtung Amsterdam-Rijn-Kanaal.

10:15 Uhr: Schleuse Amerongen - dauerte lange.

Mittags: Wijk bij Duurstede, große Schifffahrtsstraßenkreuzung mit Amsterdam-Rijn-Kanaal, rechts ab Richtung Utrecht.
Prinses Irene Sluizen, werde mt 100m-Schiff geschleust. Die Schleusenleute sind sehr wachsam, hatten erst grün an der linken Seite, dann auf rot gesetzt, ich fuhr parken, von hinten wurde das Schiff immer größer und verschwand in der Wanne, dann wieder grün. Dachte nicht, dass ich da wirklich zwischen passen wollte, doch das Schiff schwammm langsam weiter rein, also mutig. Die Schleusentore schließen sich senkrecht wie Eier-Guillotine, gigantische Dinger. Bei der Ausfahrt hatte ich einiges zu tun in dem erzeugten Strudelschwell, von oben riefen und winkten Ausflügler auf Besichtigungstour, wohl kein Gespür dafür, was unten abging. Großes Schiff fast raus und dann wieder der Wind, für mich üppigen drei bis vier bf und für andere nur ein laues Lüftchen .... wenn ich nicht so dringend pinkeln müsste ...

Beschlossen anzuhalten und ordentlich zu essen: Schleusenfest sozusagen.
Hatte fein festgemacht, schön gefendert und wollte gerade mit der Kocherei beginnen, da spielten ein paar Lastkähne Schleusenrennen. Mit beiden Füßen gegen Badesprosse gestemmt, die Hände etwas über einen Meter höher nach hinten am Ufer versuchte ich den Schwell auszugleichen, sehe fast machtlos zu, wie Badesprosse zu zerschmettern droht, es spritzt und kracht, der Minimast wie ein aus der Kontrolle geratenes Metronom auf Speed, eine Welle nach der anderen, prallen ab, laufen zurück, mischen sich mit den ankommenden zu Resonanzen aus kochenden, spitzen Kegeln, ein zusätzliches Auf und Ab. Wellen reißen und rucken, verbiegen Badesprosse, Leinen halten, verbiegen Alubeschläge am Süllrand an den neuen Augbolzen - haben gehalten.
Hier habe ich keine ruhige Minute, mache so schnell es geht los, immer dabei das Boot wegdrückend, ein Bein am Ufer, das andere auf dem Boot, Fuß in Gefahr, Vorspring verknotet, Leine verdreht, rutscht nicht, so stehend mit beiden Händen am Fuckeln, bring's los, stoße ab, stehe im Boot wie auf Sufboard ohne Segel, schnappe Paddel, sitze, suche Freiraum.
In Fahrt. Fühle mich sicher ... Leinendurcheinander ist mir zunächst egal. Weiter, andere Stelle suchen.

 

Der Amsterdam-Rijn-Kanaal ist quasi eine Schiffsautobahn, zu lang geratene schnurgerade Badewanne und zwar ohne Anlegestellen für Kleinfahrzeuge, festmachen ist nicht ratsam.

Mit dem starken Wind auf den Bug habe ich schon genug zu kämpfen, es dauert dazu immer noch etwa eine viertel Stunde, bis sich das Wasser von den Turbulenzen der Schiffe wieder einigermaßen beruhigt hat. Ein kräftiger Paddelschlag bringt kaum einen Meter.

Ein doofer Vogel treibt im Wasser, Gans tot, Kopf hängt zu den Füßen. Denke drüber nach, zurück über den Rijn nach Rotterdam zu fahren, scheue aber die Riesenschleuse, denke, auch durch Schlechtwetter muss man durch. Dann tote Ente - hat der Fluss heute Geflügelragout?

Bin zu weit vom Ufer weg, drei Schiffe von vorn, der letzte überholt, paddele, was die Hände halten nach rechts, sehe noch ein Schiff von hinten, alle schnell, dürfen 18 kn laufen, machen sie auch - und beim Überholen?
Auf meiner Höhe zwei Schiffe von vorn, das von Hinten neben mir, eine Schwarze Wand, die ersten Reflektionswellen kreuzen die ankommenden, Schiffsschaukel mit Drehimpuls, hab nur 12 - 15 m Platz, werde rückwärts gezogen, nach vorn beschleunigt, reite Rodeo, hinteres Schiff vorbei, dessen Heckwellen spornen das Wasser weiter an, der Rumpf des Überholers gibt Wellen von den Entgegenkommenden frei und der Hexenkessel fängt erst richtig an. Nicht mehr zu erkennen, welche Wellen von wo kommen, Badesprosse im Mixer, Kuchenteig rühren mit Bohrmaschinenaufsatz zum Betonmischen und ich bin eine Rosine. Adrenalin ohne Ende - keine Zeit für Angst.

Badesprosse ist auf dem Wasser ne Wucht - mein Vertrauen in das Boot wächst mehr und mehr.

 

An der Stadtgrenze von Utrecht quere ich backbord zur Schleuse in den Stadtkanal von Nieuwegein, übermüdet und völlig entkräftet nach den 14 km Welle und Wind gegenan. Dann im linken Augenwinkel schwarz-weißes - WAS??? - Schiff auf Kollisionskurs, mächtige Bugwelle ... PADDELN!!! ... Ich glaube, ich habe Rumpfgeschwindigkeit erreicht.

Nacheinander habe ich rausgekriegt, dass auf der Landzunge der Zentralfriedhof liegt.

Hinter der Schleuse stilles Wasser, entspanntes Trödeln der festgemachten Yachties, Eisschleckende. Ich turne vom Boot, komme mir klein und unwichtig vor. Esse Fritten, dazu Cola und fühle mich nach und nach wieder wie Mensch.
Als ich dann stehend paddelnd den Anleger verließ und dabei punktgenau drehte, hörte einer der Yachties auf zu essen - ob er um seinen Lack in Sorge war?

Von der Schleusenwärterin hatte ich erfahren, wo Parkmöglichkeiten sind, und so landete ich auf der kanalisierten IJssel. Mast zur Zeltstütze, Persenning drüber, im Schlafsack wollte ich dann noch schreiben und dachte über die Tabakschachtel nach - wo die wohl ist? Darüber bin ich dann allerdings eingeschlafen ...

 

Morgens die Frau vom Abend mit dem Setter, der heute nicht mehr bellte, zum Frühstück Riesenmüsli und Boot klariert. Vor der Weiterfahrt wollte ich die Kanaltour unbedingt noch aufschreiben. Das Kanutenpärchen aus Wesel wunderte sich noch darüber, dass ich nach Holland wollte, Kanuten hätten doch lieber bewegtes Wasser und in Holland sei doch alles flach. Flach ja - aber unbewegt?
Hätte ich nie vermutet, was hier abgeht.

Ich suche mir jetzt eine Bäckerei.

 
14. Tag: SMS aus Utrecht
Geschrieben von Moses (SMS)
Mittwoch, 12. August 2009 um 13:11

[nach Frage und Antwort nach dem Wetter heute in Utrecht (bewölkt, Schauer möglich, nachts 13°C):]

Danke.
Habe mich gerade umgezogen, war klatschnass. Und wer's nicht gesehen hat, glaubt's nicht. Touristenyachties schippern in Horden durch die Stadt, als wenn sie ein Lotsenbötchen angeheuert hätten und alle stumpf hinterherdümpeln.
Die Ausflugsbusschiffe stört das gar nicht, Berufsschifffahrt hat schließlich Vorfahrt, die brettern da zwischendurch, als ging's drum, möglichst viele Fender zum Platzen zu bringen ...

 

[und nach ergänzendem SMS mit "Wind W, 4 bf":]

Da hoffe ich drauf. Wenn heute 4 bf sind, dann war gestern aber Sturm oder die Stadt liegt geschützt ...
Muss aufhören, Geschwader kommen wieder. Boot festhalten ... 

 
14. Tag: Utrecht im Regen
Geschrieben von Moses (Mail)
Freitag, 14. August 2009 um 00:44

[für Mittwoch, 12. August]

Gestern fing es an zu regnen, als ich losfuhr. Memme oder Kanut, dachte ich, schaffte es aus der kanalisierten IJssel in den Merwedekanaal zurück bis zur Pommesbude und hatte schon ordentlich Regenwasser aufgenommen.

Ich beschloss, den Hafen am Merwedekanal zu suchen und dort abzuwettern, und hielt ungefähr einen km weiter unter einer Brücke, die zur Hälfte Zugbrücke war. Der klappbare Metallteil lärmte grausam, wenn Autos darüber fuhren. Festmachen war nicht wirklich möglich. So klemmte ich das Paddel unter der Rundumleine ein und schob die andere Seite in eine Bucht zwischen die gewundenen Stahlverplankungen. Die Anlegeleine hielt ich entweder mit dem Fuß oder in der Hand. Wenn Boote kamen, sicherte ich am Mast mit der Hand, damit Badesprosse nicht unter die Leitplanken geriet. Es war kalt in der dreiviertel langen völlig nassen Hose und ich wußte nicht was zu tun ist, was ich wollte oder konnte. Außerdem drückte ein großes Geschäft mit enormer Ankündigung in die Hose zu gehen.

Webbie besorgte via SMS Wetterinfos und ich machte in den Schwellpausen Striptease. Abenteuerliches Gehampel mit ein- und auspacken der Klamotten und gleichzeitiger Bootssicherung. 

Die Enten schwammen wieder los. Ein gutes Zeichen für das Ende der Schüttung von oben. Also statt nach Süden zum Hafen wieder nordwärts, an der Einfahrt zur IJssel nach Gouda vorbei, ein Versuch, Touristenyachties zu knipsen, misslang - genau in Kurve und Vorfahrt beachten, man weiß ja nie, ob die Charterer ihre Tuckerwannen wirklich im Griff haben und wissen, wie und dass man Paddelbötchen ausweichen soll oder überhaupt kann. Eher habe ich den Verdacht, dass ein einzelnes kleines Boot ein gutes Peilobjekt ist, kann man gut drauf zusteuern und dann so eben drum herum fahren. Das fällt echt auf und denke, dass das automatisch passiert, man behält das, was man nicht übermangeln will, genau im Blick und steuert dadurch unausweichlich darauf zu. Schlimm ist für mich nur, dass die meisten vergessen, oder sich nicht klar machen, dass ich ohne Paddel manövrierunfähig bin und eben die zwei Meter Breite brauche, auch wenn das Boot nur 85 cm hat. Viele drehen eine Bootslänge vor der Paddel-Bugkollision etwas ab, grüßen brav oder zeigen ihren Mitfahrern mich: da, ein Kanu, Canoe, seltener Faltboot.

Wieder am Kai von der Pommesbude angelangt, festgemacht zwischen den Yachties, Persenning übers Boot und losgehen. Straßen um die Kirche herum waren nicht besonders interessant. Ein Kindergarten hieß Rijnhuiser, deutsch: Rheinhäuser oder Reihenhäuser? Ich schmunzel mir eins untem Regenschirm und marschiere weiter.

Nach einiger Suche bekam ich endlich einen Kaffee in der Eisdiele, was mein Bedürfnis nach Warmem und Koffein zwar befriedigte, aber das andere, oben erwähnte, nur noch verstärkte. Tags zuvor war die Bedienung eine Augenweide für mich, darum wahrscheinlich gab es später Gyros mit Pommes, Auswendiglernen der nächsten Wegpunkte durch Utrecht, eine sehr erleichternde Darmentleerung und auf keinen Fall wollte ich bei dem Wetter wieder auf den Amsterdam-Rijn-Kanaal zurück, den ich gegen 16:15 Uhr kreuzte. In Utrecht wehte kein Lüftchen, der Regen hörte auf und ich hatte selber Sightseeing durch die Altstadtkanäle. Herrlich. Lohnenswert. Die Leute sitzen förmlich am Wasser, nur meine Bootshöhe höher mit den Stuhlbeinen. Diese Cafes und Restaurants sind unter die Straßen gebaut, sodass von oben auch Leute gucken und von unten viele Fahrräder zu sehen sind. Sportlich fahrende Frauen auf Herrenrennrädern finde ich besonders reizvoll - glaube seit ich den Film Flashdance gesehen habe. Die unteren Kanalplateaus werden aber auch von allerlei Händlern genutzt, eine Druckerei glaube ich erkannt zu haben, Dienstleistungsfirmen rund um den Computer und Künstler - so ähnlich wie ich sie auch schon in Wien am Donaukanal gesehen habe. Zum Schluß noch eine handbetriebene Schleuse (die dritte Schleusung an dem Tag), vier Kiffer mit einem Riesenjoint und lustig zugange. Danach ewig viele Hausboote, aber extra als solche gebaut - schwimmende Betonwannen mit Hütten drauf.

Manches Fotomaterial habe ich heute Abend beim Durchschauen gelöscht. Bis zur Schleuse in Utrecht ist noch alles da, aber nun fehlt alles bis heute Abend. Das ist sehr schade, denn ich habe die Kamara sozugen als optisches Notizbuch. Aber heute waren ein paar wirklich wertvolle Bilder dabei, deren Situationen ich nun lieber gleich beschreibe, weil sonst sogar das Gefühl abhanden kommt.

Ein Wasserfahrzeug erregte meine Aufmerksamksamkeit: Fahrrad hinter Gartenbank zwischen zwei Surfboards als Schwimmer, am Hinterrad Wasserschaufeln in die Speichen eingebaut, das Vorderrad herausgenommen und die Gabel mit einer verbreiterten Achse versehen, an deren Enden Seilzüge zu einem Ruderblatt zwischen den Bords führten, das ganze über den normalen Lenker zu steuern. Quasi eine Fahrrad-Wasser-Rikscha.

Schlau finde ich manche Bootsparkplätze. So zum Beispiel Kajaks aufgehängt am Straßengeländer, kann man runterlassen und über gleiches Seilsystem einsteigen, weniger klever angekettete Fahrräder, die zur Flussseite an ihren Schlössern herabhängen - sieht nicht so gewollt aus.

 

In Oud-Zuillen legte ich gegen acht abends an und baute mein Biwak übers Boot. Ein paar Nacktschnecken mussten umgesiedelt werden, die aus geschwungenen steinernen Ritzen krochen. Diese Ritzen inspizierte ich erst am nächsten Morgen genauer und fielen den Tag über noch an vielen anderen Stellen auf. Die geschwungenen Formen sind die sichtbaren kurzen Seiten von Dachpfannen, die auf der Längskante stehend nebeneinander aufgestellt und mit Betondecke zu einer Kaimauer bzw Flussbefestigng geworden sind. Ein superpraktisches Recycling. In der Wirkung gegen Wasserwellen bestimmt genauso effektiv wie Eierkartons in Tonstudios. Beim Hin und Her der Sachen hüpfte dann ein blinder Passagier aus dem Bug ins Abendlicht: Ein Frosch. Der war bestimmt froh, wieder in sein Element zu kommen.

Die Fotos vom Biwak mit vollständig abgeschotteter Windseite, bis auf die Fenderlücke festgezurrtes Boot und der Persenning dachförmig mit Gummiseil und Heringen am Ufer vertäut habe ich leider nicht mehr. Sind auch gelöscht. Aber ich war richtig stolz auf die Konstruktion. Ich hatte nicht nur Schlafplatz sondern auch eine Pentry, eine Bordküche, indem ich den Vorratskoffer auf den Hecksüllrand stellte, davor konnte ich aufrecht knien, wie auf einer Kniebank in der Kirche, darunter hatten die Füße beim Schlafen Platz. Die Persenning war über den Segelmast und das hinter der Küche eingesteckte Stechpaddel längs über das Boot durch eine Leine hochgehalten. Die Betonkante vom Kai hatte ich so auch überdacht und konnte diese zusätzlich als Ablegefläche benutzen. Ich war sehr stolz auf mein Werk, aber die bereitgelegten Nudeln zu kochen, war ich nicht mehr im Stande. Es gab eine extra große Portion Müsli mit Dosenfrüchten. Viel zu müde, um den geschaffenen Raum über, in und neben Badesprosse zu genießen, fielen mir die Augen zu. Als ich dann fein ausgestreckt im Schlafsack lag - inklusive störrischem Rumgezuppel am Reißverschluss, dem ich es nicht beizubringen vermag, ohne den Windschutzstreifen einzuklemmen zu zugehen - so daliegend freute ich mich noch einen Augenblick über mein Werk und hatte vergessen die extra zum Hin- und Herschieben an der Deckenleine aufgehängte Taschenlampe mit zum Kopfende zu nehmen. Diese beleuchtete brav die Küche über meinen Füßen.

Mo

 
15. Tag: Rausch
Geschrieben von Moses (Mail)
Freitag, 14. August 2009 um 03:08

[für Donnerstag, 13. August] 

Es ist bereits gegen ein Uhr morgens vom Freitag. Komme von der Wasserette, den sanitären Anlagen des Campingplatzes, zurück und gehe, Hände in den Taschen der kurzen Hosen, an den Beinen frierend, auf das mit Booten zum Bersten volle Hafenbecken zu. Der Kran der "Schlippanlage", so die angeschlagene deutsche Übersetzung, bildet ein Tor zu entfernt leuchtenden Laternen. Nur wenige Boote haben noch Innenbeleuchtung, Nebel steigt auf, der Himmel ist sternenklar, Kaninchenmamas hoppeln mit ihren Kids auf den Grasstreifen herum, die an zwei Seiten das Masten- und Stegegestrüpp säumen. Vor meinem Zelt hängen Unterhosen und Socken zum Trocknen - ein frommer Wunsch bis morgen früh. Gewaschen werden mußte aber dringend. Nicht, weil ich keine Wäsche mehr hätte, sondern weil die benutzte seit Tagen klamm im Bootssteg verbrachte und der muffige Geruch sich breit macht, wenn ich stehe und kein Wind geht.
Badesprosse hat einen Sonderplatz an einer Kanurampe und darf im Wasser liegen bleiben, nach Lee von den Planken freigehalten und gegen Bootsschwell abgefendert - bin echt froh, die Fender mitgenommen zu haben. Mittlerweile sind sie auf Deck in Mastnähe an einem Stahlring fest und können ohne große Mühe heruntergelassen werden, indem ich am anderen Ende den Tampen aus der Klemme löse, die normal für die Fock (Vorsegel) genutzt wird. Das ist beim Anlegen und in Schleusen besonders praktisch, denn es erspart das Aufstehen und damit das Verlassen der Fußpedale für das Ruderblatt. Aufstehen bedeutet auch, das Paddel aus der Hand zu legen, und beides für einen Moment nicht zu bedienen, macht das Boot kurzzeitig führungslos. So ist es eben nur ein Handgriff zum Tampen, fieren und der Fender rollt vom Deck ins Wasser, Tampen wieder einklemmen und die Höhe stimmt automatisch, wenn der Tampen wieder leicht straff ist.

Heute Nacht liegen die zusammengerollten Segel auf dem Bug und sind an der Rundumleine befestigt, die Luke mit der großen Persenning (es gibt noch zwei kleine für Regenfahrt, da kann ich dann zwischen sitzen) abgedeckt. Satt bin ich heute Abend von Erlebnissen des Tages und von zwei dicken Schnitzeln mit Zigarrenbrot. Die Tafel ist reich gedeckt - ganz im Gegensatz zu heute morgen. Aber da fängt die Kette von tollen Eindrücken und dusseligen Missgeschicken des Schreibers an.

 

Die Morgentoilette treibt mich aus dem Bootsbiwak und dem wärmenden Schlafsack, Knie auf den Kai, im Nacken die taunasse Persenning,"ieh", und mit der rechten Hand mit vollem Gewicht auf dem Rücken einer schleimigen Nacktschnecke, richtig "ieh-hieh-hie" - ich mag Schleimer nicht, schnell auf die Füße und rumms, auf dem nassen Gras der schrägen Böschung ausgerutscht. Hände schmuddelig, an Uferstraße stehend, ein Mann mit Setter links, ein anderer mit Schäferhund auf der anderen Seite. Der erste ein Anwohner, der zweite Käptn von einem kleinen Stahlkreuzer, ich tappere hin und her und weiß nicht wohin zu pinkeln und mit dem Dreckselend an meinen Händen. Fühle mich elend, weil seit Tagen nicht geduscht, nach der anstrengenden Kanalfahrt, ein halber Tag Regen und zwei Nächten Biwack an öffentlichen Plätzen. Der Schäferhund begrüßt fellgesträubt und freilaufend den angeleinten Setter und ich schaue zwischen den Herrchen hin und her. Der Käptn ruft "Rausch" und schickt sie aufs Boot, gehorcht aber nicht wirklich. Wir drei kommen ins Gespräch. Ich suche einen Bäcker, komme nicht weiter, der Käptn versteht, als ich "Bakkerij" sage, was ich wohl will und redet mit dem Anwohner. Es heißt ein paar km weiterfahren von Oud-Zuillen nach Maarssen.

Der Käptn hatte eine Tasse Tee angeboten und da ich mangels Bäcker keine Aussicht auf Frühstück hatte, kam ich flux auf den Tee zurück. Rausch gefiel mein Eindringen in ihre Pflicht, ihr Schiff, überhaupt nicht und machte Fellsträuben mit Geknurre, Rumdrängeln, denn die Fressnäpfe standen unter mir. Als mich das nicht beeindruckte, machte sie vor mir "Sitz" und gab das "feine Pfötchen", kullerte lieb mit den Augen, eher ein aufgeweckter Dackelblick, die Ohren gespitzt.

Zum Tee bekam ich eine Zigarrenbrotstulle mit Butter und Cervelatwurst - eingeatmet - mein Fresschen - "Rausch" leckte die Leftsen. Ich fragte nochmal nach dem Hundenamen. Ob ich nicht die Blume kennte. Ich fragte nach Mohn, des Rausches wegen. Nein, die rote mit Dornen. Und dann sagt er es nochmal, Rohus, leicht englisch akzentuiert. Axo, holländisch ausgesprochene "Rose" klingt auf Deutsch wie Rausch - das mit dem Mohn hatte der Käptn nicht mitbekommen.

Im weiteren Gespräch fand ich heraus, wie man mit Händen die Konstruktion und das Zusammenfalten meines Bootes nachmacht. Mir scheint, dass die Konstruktion sogar den Funktionen von vier Händen sehr genau gleicht.
Wenn man die Handgelenke aneinanderlegt, so dass die kleinen Finger ausgestreckt nebeneinander liegend sich berühren und man in die offenen Handflächen schaut, die eine Mulde bilden, wie ein halbes Boot (die Handgelenke sind dabei Bug oder Heck) und sich dann die Finger spreizen, so hat man das auch im Boot zusammenhängende Holzgerüst nachgestellt. Das Zusammenklappen des Gerüsts geht dann wie bei den Fingern der beiden Hände: die Finger klappen auf die Handflächen und die beiden flachen Fäuste klappen derart zusammen, das die Fingeraußenseiten nach Innen verschwinden. Ein Regenschirm funktioniert quasi genauso, der "Knirps", ein Taschenregenschirm faltet sich dabei sogar zwei Mal, bloss nach außen.

Der Käpten wollte mit seiner Freundin nach Wageningen, wo ich vor ein paar Tagen war, nur gleich den besseren Weg, weil angenehmer durch Utrecht und Nieuwegein zum alten Rhein, Neder-Rijn und dann ostwärts flussauf. Aber nie und nimmer den Amsterdam-Rijn-Kanaal. Sei schlimm, diese Stahlwanne, ginge nur hin und her das Wasser und das Schiff mache so (dazu die entsprechendenden Handbewegungen). Als ich erklärte, dass ich genau das Stück gefahren sei, welches er umgehen wollte, und das gegen den Wind, wollte er es nicht wirklich glauben ...

Zum Abschied kam er nochmal, als ich mein Biwak wieder entwickelt hatte und schaute sich meine Bootsordnung an. Das Fachgesimpel ging weiter, Rose war nochmal mit Frauchen Gassi und die rief nun etwas streng ... Um neun macht die Stadtschleuse auf, es wurde Zeit. "Mama hat die Probiersöckchen gezückt, Flanieren und Schoppen", denke ich, grinse aber nur, bedankt für Tee und wech die beiden ... mit Rausch.

Kurz darauf laufe ich auch ab.

 

Jetzt sind die Akkus leer. Einer vom Händi, andere der meine. Ich merke es deutlich, weil ich mehr korrigiere als Wörter aneinander zu reihen.
Vom See also in der Frühe vor der Weiterfahrt. Axo, ich bin etwa 20 Auto-km vor Amsterdam.

Mo

 
15. Tag: Segeln!
Geschrieben von Moses (Mail)
Freitag, 14. August 2009 um 12:28

Immer noch Donnerstag. Es scheint heiter zu werden. Ich fahre auf dem Vecht, ein nach Fluss aussehender Kanal. Die Ufer immer wieder mit Dachpfannenreihen befestigt.

Ich finde es gut, wenn man Dinge, vielleicht auch ein wenig zweckentfremdet, weiter gebraucht. Die Abwrackprämie, die in Deutschland erst als Umweltprämie angepriesen wurde und hervorragend griff, ist ein negatives Beispiel gegen die Weiternutzung. Da gibt es Leckerchen, fette Belohnung im Sinne der Wegwerfgesellschaft. Schadhaftes wird nicht repariert, sondern getauscht, viele Dinge des täglichen Lebens billig produziert, kaum länger haltbar als das Verfallsdatum. Selber in Gipskartonwänden leben und im Urlaub Schlösser und alte Kirchen bewundern, auf Oldtimer-Autoschauen gehen und den alten Zeiten gedanklich nachhängen, so viel Müll produzieren, dass es sich lohnt, ihn zu trennen - eine Nation sortiert für den Reibach der Abfallwirtschaft vor und zahlt auch noch immer mehr für die Einsammelei.

Warum geht mir der Abfall durch den Kopf? Nun, im Boot fällt er auf. Es sammelt sich schnell eine Tüte voll an. Das meiste sind Verpackungen. Meine Plastikpfandflaschen nehmen viel Platz ein, dienen aber als zugeschraubtes Leergut gleich wieder als Auftriebskörper. In Paderborn und Lippe findet sich so gut wie alles, Einkaufswagen, Bierflaschen, Autoreifen, Kühlschränke ... Hier in Holland fällt auf, dass aufgeräumt wird. Das Wasser ist nicht nur zufällig im Weg, wie ab und zu ein Fluss in Deutschland. Es ist Lebensraum und an vielen Stellen höher gelegen als das Land. Schwappte es über, läge der ganze Mist auf dem Land.
Sicher gibt es auch hier und da Schmuddelecken. Zum Beispiel Treibgut auf dem High-Way-Channel, dem Augenschein nach Heruntergefallenes, Schüsseln, Blumentöpfe, Trinkflaschen, Wäschestücke. Wundert mich nicht, bei dem Geschaukel kommt manchem Yachtie das abhanden, was nicht angebunden ist.

Besonders schick ist meine heutige Strecke. Ein schickes sauberes Boot nach dem anderen, zickig aussehnede, sonnenbebrillte Bugblondinen, die Typen strotzen in vorgetäuschter Coolness, auf dem Waschboard sitzend, Hälschen gereckt, so mancher mit dem Fuß am Steuerrad. Langsame Fahrt ist angesagt: Snellheid vier bis fünf und so tuckern sie an mir vorbei. Es gibt auch kajütlose Boote mit dicken Hanftauen als Rundumfender. In der Mitte ein großer Tisch - Picknickfahrten vorbei an hübschen Gärten, kleinen Schlössern, Herrenhäusern oder Landsitzen. Die meisten rötlich grau geklinkert mit weißen Sprossenfenstern, die senkrecht nach oben geschoben zum Lüften zu öffnen sind. Kunstschmiedeeiserne Tore an den Stegen, schwimmende Bootsgaragen, wie auf Pontons schwimmende Carports, schlicht geschnittene Yachten, die edel in ihrer Redier heiter wirken, ganz im Gegensatz zu den böse aussehenden, spitzkantigen Motordingern mit Überrollbügel und Steuertürmen. Die sehen nach "Platz-da-oder-ich-bügel-dich-platt" aus. Wer es braucht ... Lustig sind die mitfahrenden Frauen und Kinder für mich, die begeistert rufen: ein Kanu, wenn sie an mir vorbeikommen und der jeweilige Käptn tut, als hätte er allerlei zu händeln und fummeln, ganz viel hin und her zu schauen, weil das blöde Peilobjekt im toten Winkel außer Sicht ist.

Ich glaube, in Breukelen halt zu machen, festgemacht am Brücken-Wacht-Anleger. Besoge Aspirin in einer Apotheke, die Apothekerin redet gleich sehr sauberes Englisch. Erklärt mir, was ich wo bekomme. Bei "Dirk", einer Supermarktladenkette, finde ich so viel, dass ich eine neue Tasche kaufe. Badesprosse wird wieder gut belastet. Mit Hunger einkaufen ist nie gut. Aber in der Wurstabteilung hatten sie auf Zahnstochern Probierwurst in Röllchen aufgespießt - da habe ich mich ziemlich lange aufgehalten und das Knurren unterm Herzen besänftigt. Lebensmittel erscheinen mir teuer, Essen gehen ist angesichts der Rechnung nachher ziemlich unbefriedigend. Für eine handvoll Gyros mit Pommes, Mayo, salatähnlicher Dekoration und Dosencola zahlte ich 10,80 Euro. Gut, dass ich Platz für Lebensmittel an Bord habe. Doch heute komme ich in arge Unterbringungsprobleme. Ich kann mich kaum noch rühren.

An einem Anleger neben einer Selbstbedienungs-Schleuse halte ich an und will mich in die Büsche schlagen, dann schauen, ob es dort auf die Seenreihe Richtung Norden geht. Zum Pinkeln komme ich aber nicht - zu viele Leute, auf der Brücke auch noch Verkehrschaos, weil zwei Lkw nicht aneinander vorbei kommen, an einer Seite ein Transporter mit Anhänger, der rückwärts muss, die Fahradfahrer (sehr viele) sich dazwischen durchmogeln und die Besatzungen der zu schleusenden Boote hin und her die Brücke überqueren, ihre Neugierde auf den Handbetrieb befriedigend, den haltenden Verkehr zum Überschreiten der Straße nutzend. Ich eingeschlossen und wäre fast von einem Rennradfahrer mit Rabobanktrikot überfahren worden. Der war echt schnell.

Die Schleuse wurde vollgestopft bis zum Geht-nichts-mehr, ich stecke zwischen Mauer und schräger Bootswand und sehe kaum noch Himmel - zwischengesteckt.

Danach geht es scheinbar endlos an bewachsenen Stegparzellen vorbei, die eine Mischung aus Schrebergarten und Campingplatz sind, mit Wiesen und Hecken, davor die Boote oder Yachten. Nach etwa einer halben Stunde Gepaddel längs dieser Parzellen, die auf den See gebaut scheinen, öffnet sich aus den Büschen heraus das freie Wasser. Wind, Segelboote, Wolken. Ich krame die Fock heraus, ziemliches Umgepacke auf freiem Wasser mit Wellen von Wasserskibooten - ich weiß aber seit dem Kanal, dass Badesprosse von sowas völlig unbeeindruckt drüber wegschwimmt. Fock setzen scheint mir aber unmöglich, ohne ums Boot zu schwimmen - also lege ich wild an (kann endlich pinkeln) und bin nach dem Anschekeln richtig aufgeregt.

Die Fock hat kaum einen viertel m², zieht mich aber erstaunlich bei vor-halbem Wind nach Norden. Ich paddele dabei und muss kaum Druck aufwenden und das Blatt ist auch schon achterlich. Herrlich. Ich mache Dokufotos und vom tollen Wolkenbild auch. Schnell ziehende Haufenwolken, dazwischen ein graues Band satte Regen- oder Gewitterwolken, paynesgrau vor blauem Himmel.

Bei Loenen aan de Vecht ist Schluß. Kinder mit Optimisten wirbeln umher, ich legte an einem Hafen an, überfüllt scheint der See hier mit festgemachten Booten. Man könnte meinen, ein Bootssee mit angelegtem Wasser. Ich frage nach Wegen Richtung Nord durch die Seen. Geht nicht, glaubt einer, nur durch die südlich gelegene Schleuse über den Vecht geht's nach Amsterdam. Ich frage mich weiter durch, komme mitten in die Theorieprüfung einer Segelschule, im Sprachgewirr mit ein paar Jugendlichen kommt heraus, dass ich tatsächlich zurück muß.

Na dann.

Aber mit Großsegel. Fleißiges Hin- und Hergepacke im Boot, um zwischen dem Gerümpel irgendwelche Aufholbeschläge zu finden. Dann gelingt es nach und nach und habe stolz wie Oskar alle Funktionen klar - auch ohne Seitenschwerter, das hätte mir zu lange gedauert, scheiß was auf Abdrift, ich fahre ja keine Regatta und schwer genug bin ich auch.

Ups, hundert, hundertfünfzig Meter weit abgetrieben liegt auf dem Steg das Paddel - man legt unter Segel an ... har har har ... komme mangels Wind da nicht hingekreuzt ... stelle fest, dass Wenden nicht funktioniert, nur Halsen geht.
An den Steg gelange ich nur mit dem Stechpaddel. Das habe ich im übrigen dreimal wieder festgemacht, bis ich endlich einsah, das Doppelpaddel vor dem nächsten Abtreiben zu schnappen.

Dann aber herrliches Vorwindsegeln, teilweise Schmetterling.

Komme an eine Haltestelle zum Anlegen, völlig leer, was mich nach der Besichtigung nicht mehr wundert: die eckig befestigte Insel gehört den Ameisen.

Gelange in einen Yachthafen mit angeschlossenem Riesencampingplatz und bekomme es durch Hilfe eines Deutschen hin, dass Badesprosse im Wasser und ich direkt am Hafen zelten darf.

Die Fotos von der Segelei im Abendlicht mit den herrlichen Wolken habe ich nur einmal auf dem Display gesehen. Eine nächtliche Augenweide. Beim Löschen eines blöden Möwenbildes hatte ich wohl alle Bilder markiert. Die Kamara meldete den Job erledigt und alle Bilder weg. Die vom Segeln, von den tollen Häusern, sogar einer Kutsche trabend vor Herrenhaus.

 

Nach einigem Geschichtenaustauschen mit den Campingbusdeutschen gabs großes Geschirrabwaschen - Pfanne ohne Spülmittel, hmm, leckeres Gekratze, Müll von drei Tagen weg, Leergut zum Laden, heiße Schokicrossants und Postkarten gekauft - natürlich mit ein paar Motiven von den Herrenhäusern. Trostpflaster. Die Nachbarin meinte, das man nachts um halb drei nun wirklich keine Kameras ins Hafenbecken schleudert, um diese Zeit seien Entscheidungen nie ratsam. Gut die Frau. Aber auch tagsüber gehört meine Kam nicht gewassert.

Das Boot ist derart umgeräumt, das ich leicht zum Segeln übergehen kann. 

Ich starte gleich das Reststück vom Vecht ins Markermeer, der windet sich wie Schlange, werde also nicht viel Nordhöhe machen, aber denke auf Amsterdamhöhe schlafen zu gehen.
Flipps bleibt am Mast und ich schmiere mich ordentlich. Die Sonne sticht und ich habe eh schon eine Ledernase.
Auf gehts ...

Mo

 
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