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Geschrieben von Moses (Mail)
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Samstag, 15. August 2009 um 09:31 |
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[Freitag, 14. August] Eine Ente bettelt mich an, ein Minifisch flitscht über windgekräuselten Vecht. Mittags gings los und ich dachte guter Dinge. Oder sind meine mentalen Körner aufgebraucht? Am Vortag hieß es noch, es gäbe nur die eine Schleuse, durch die ich gekommen war. Am Steg und in der Segelschule sagten das alle. In den kleinen Kanälen zwischen Büschen und Bäumen, parkenden Booten, Yachten und Kähnen, werde ich auf der Hinfahrt den Hafen übersehen haben. Deutliche Hinweisschilder führen zur Schleuse, die aber ganz anders aussieht. Wegführung ist wie Fischreuse. Hafen, Hafenrestaurant, Einkaufsladen, Tankstelle, alle Wasserversorgungen. Dementsprechend voll ist die Sluizenwacht, viele Charterboote, die mit den dicken Hanftauen, von hinten kommt eine riesige Motoryacht und ein Plattbodensegler mit zwei Masten und jugendlicher Crew. Ich paddele langsam weiter und weiß, dass ich als erster reinpaddele und dann gleich vorne beim Tor in der Schleuse bin. Kommt auch so. Die Charterer haben einiges Gehaspel, bis sie losgemacht haben, und so langsam in die Schleuse fahren, dass ihre Ruder kaum Wirkung zeigen, keine Lenkung ohne anströmendes Wasser, da ist es gut, wenn ich nicht zwischen denen herumtreiben muss, und hinten schiebt sich der Bug der Motoryacht durch das Tor, muss an beiden Seiten gesichert werden, so breit ist sie. Dann kommt tatsächlich eine Frau zum Kassieren, bedeutet mir ob des kleinen Bootes zwei Euro für den Schleusengang zu wollen. Voll der Napp, was für ein Stundenlohn - zwei bis drei Schleusungen je Stunde, fünf bis zehn Boote, hauptsächlich Urlauber - ich fühle mich genötigt, stand nichts angeschlagen, in die Reuse gefahren und abgezockt. Stopp, Kajak, schmal, sie fuchtelt mit Ticketzettel, verschiedene Sprachen, das Wort zwei und Euro hintendran, ich stoße mich ab und drehen vor dem Schleusentor, fahre Slalom zwischen den Booten durch, Besatzungen staunen, Ticketfrau wird aufgeregt, die Yacht ist zu Hälfte drin, mit Pfeifen mache ich auf mich aufmerksam, wedele Zeichen, kriege raus, er geht Backbord fest, ich Steuerbord unter seinem Überhang durch und raus. Ich bin durch eine selbst zu bedienende Minischleuse in diesen See gekommen und in irgendeinem von diesen parallel laufenden Wasserwegen muss die sein. Also gibt es mindestens zwei, und genauso viele km bis aufs freie Seewasser. Dort angekommen kenne ich den See nicht wieder. Wo bin ich hier nur gelandet? Paddele dümmlich rum, studiere viel zu kleine Karte, auf der die vielen kleinen Inseln nicht mal drauf sind, die Sonne steht fast senkrecht, ich finde meinen Standort auf einem Quadratzentimeter. Bei einem Maßstab von 1:250.000 ist das für ein Kajak Wasser in allen Richtungen. Die nahegelegenen Grünstreifen aus Büschen und Bäumen sind nicht unbedingt Ufer und Land, das können auch angelegte Streifen mitten im See sein - Orientierung? Ich sehe, wo ich hinfahre. Ich war auf dem Hinweg zwischen zwei nahe aneinender gelegenen Inseln hindurch zur Segelschule gefahren, so probierte ich es mit Inselzwischenräumen, mittlerweile unter Fock paddelnd, steil am Wind. Segelbootvermietung, navigiert ist, wenn man ankommt, nach dem Weg fragen gildet heute auch. Kriege weitere Insel gezeigt, an der ich rechts vorbei soll und ganz hinten stünde ein Schild zu der Schleuse am Loch in den Büschen. Ich habe sie gefunden, weit im Süden, von Mijnden aus also bis nach Breukelen runter in langen Schlägen aber schneller Fahrt gekreuzt, nur eine Bucht zu früh geschaut, nochmal gefragt, wollten mich sogar abschleppen und gaben mir eine Wäscheleine zum Festhalten. Erst dachte ich, es sei zum Halten während der Erklärungen, aber die fuhrn los - mich seitlich zu schleppen ist auch für ein Motorboot nicht einfach ... ggg .. das hatten sie augenscheinlich unterschätzt. Boah, was kann man sich über ein dreckiges oranges Segelboot freuen, festgemacht an der Stelle, wo ich das erste mal durch das kaum vier Meter breite Loch in den See geboren wurde. Da stecke ich meinen Bug rein, da gehts um ein paar Ecken, bis meine Kehle einen Angstschrei losläßt: keine zehn Zentimeter, Faltboot gegen Motorboot von Backbord aus einem Büschewinkel tuckernd, Motor heult rückwärts auf, meine Paddel rühren rückwärts. Gut und prompt richtig reagiert der Mann, ich hätte den mit meiner Aluspitze arg zerkratzt. Denke gerade drüber nach, wer eigentlich Vorfahrt hatte. Vielleicht keiner und wir konnten uns an dieser Stelle erst sehen, als die Boote sich quasi schon trafen. Auf Gehör ist in den Gestrüppwegen kein Verlass, es tuckert überall was und er war auf Schleichfahrt - sonst hätte auch nicht mehr aufstoppen können. An dem großen See fuhr ich nach der kleinen Fähre über den Vecht nach Norden. Hier und da noch eine Prachthütte, drei, vier Windmühlen und die obligaten Bootsschlangen. In einer war ich zur Brückenfahrt eingereiht, da drängelt sich ein Kutter neben und mich mit seiner Bugwelle an die Seite, habe Mühe, nicht unter sein Schiff zu geraten und er steht dem Vordermann einen halben Meter vor der Badeplattform am Heck dessen Schiffs - optisch war er schon aufgelaufen. Ich fuchtelte und schimpfte, der schaute nicht mal, das machte mich rasend, schlug mit dem Paddel ins Wasser und die von ihm aus ein Stockwerk tiefer umhergegondelten Damen bekamen eine Erfrischung, die jungen quiekten, eine alte hielt den Mund, benahm sich englisch adelig ... zuppelte hier und da ihre Kleidung zurecht, blieb aufrecht sitzen, schaute, aber verzog keine Mine. Er, oben wach geworden, bekam meinen Dank für die Abdrängerei, er quasselte was von dem Ebenweg, wo das kleine Boot durchgehöre, ich deute auf meinen Mast, hat quasi nur einen Meter vierzig, aber passt nun mal nicht unter neunzig Zentimeter niedrige Brücken. Er schaut nach vorn, körpersprachlich: Unterhaltung beendet. Vor nicht all zu langer Zeit hätte ich ihn an Land zum Duell fordern können, was ein Spass: Paddel gegen Bootshaken vielleicht? Mit dem Paddel verprügele ich jeden. Zur Abendstimmung komme ich dem Amsterdam-Rijn-Kanaal wieder nahe und mache in der Nähe des Ortsschilds von "Nederhorst den Berg" am Ufer fest. Es ist windig geworden und ein wenig schwierig, Badesprosse gegen Luv festzumachen und gleichzeitig gegen Schwelle von vorbeifahrenden Schiffen zu sichern. Es ist bereits acht, habe vier Stunden von der Weersluise gebraucht, die Fock sehen gelassen, und mir die Zeit damit vertrieben, damit das laue Lüftchen meist auf Vorwindsegeln einzufangen. Die Persenning sichere ich an Land mit einem Gummiseil und macht sie nach unten nahezu dicht. Das Boot liegt durch den Zug ein wenig schräg, stört mich aber nicht sonderlich - eher das Geknister von dem Plastik. Ich bin im Boot eingeschnürt und mache Kaffee zu Käse und Wurstbroten. Das hantieren mit Brenner, heißem Wasser, ist ziemlich gewagt. Den Schwell eines Bootes balanciere ich in der einen Hand den Topf an der Zange, in der anderen den brennenden Kocher. Ein aufkommender Wadenkrampf durch merkwürdige Sitzhaltung will gelöst werden, die frisch einkantierte Tasse Westernkaffee rutscht samt Sitzbrett vom Süllrand, der Pentrykoffer drückt das ganze Richtung Kiel, Kaffee ergießt sich auf die Schlaf-Isomatte, das Rinnsahl in meine rechte Socke zehenverbrühend. Bloss nicht hecktisch werden, nur weils heiß wird, erst alles wieder sichern, dann das Handtuch opfern zum Kaffeeeinsammeln. Im Morgengrauen war es sehr kalt, geschlafen habe ich nicht besonders gut, Sonnenaufgang fotografiert, in der Persenning ist vom Ufer aus richtig Winddruck, gerade kommt das zweite Motorboot des Morgens, die Fender dienen, das Holzgerippe knatscht im Schwell. Ich packe zusammen, mache mir noch Brote auf den Weg und erreiche hoffentlich heute die Küste zum Binnenmeer. Das Segelabenteuer auf dem See hat gut getan. Lasse mich heute wieder von der Fock ein wenig ziehen. Gruß Mo |
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Geschrieben von Moses (Mail)
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Samstag, 15. August 2009 um 23:44 |
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Der Tag fing gar nicht so klasse an. Die Packerei ging mir nicht von der Hand, dafür auf die Nerven. Nachdem der Persenningskram entwickelt, das dazugehörige Leinengestrüpp aufgeschossen, lag Badesprosse nicht mehr so fest. Ich habe Sonnenbrand auf den Oberschenkeln und den Knien. Die Rumkriecherei im Boot macht das nicht gerade angenehm. Die Haut in den Handflächen und den Fingerinnenseiten ist trocken und spröde geworden. Es greift sich nichts wirklich an. Einige Fingernägel habe ich mir nach und nach abgebrochen und die restlichen kurz geschnitten. Irgendetwas aufknibbeln funzt gar nicht. Die erste Woche habe ich noch konsequent die Handflächen mit einem Fußblasenschmierzeug eingerieben. Das fettet nachhaltig. Das Problem ist aber das Paddel. Es ist bestimmt so alt wie das Boot selber. Zusammengeflickt hatte ich es auf der Grav-Insel mit den Schlauchschelken. Dies hat bisher gut durchgehalten. Die Schaufeln hatte ich an den Kannten geschliffen und dann alles fein mit schwarzem Klebeband geschützt. Vor allem die Schlauchschellen, um mich nicht selbst zu verletzen. Das Klebeband kann das Wasserbaden auf Dauer nicht ab. An den Innenseiten ging es zuerst ab, flatterte dann herum. Erst habe ich immer mal ein Stück abgeschnitten. Bis ich auch das nicht mehr machte und ganze Streifen entfernte. Mittwoch oder Donnerstag ist ein Stück von einer Schaufel abgebrochen. Jetzt fehlt an jeder Seite ein Stück. Eben habe ich ein Hozstück entdeckt, als ich die letzte Gaskartusche aus dem Bugverlies holte. Die Stiele sind das eigentliche Problem. Die Lackierung war nicht dicht. Wasser ist eingedrungen. Das Holz arbeitet, quillt und schwindet, saugt wie Schwamm und trocknet. Der Lack reibt sich immer weiter ab, das Holz bleibt nass und rauh, alles andere als ein Handschmeichler. Und Streicheln läßt sich mit meinen Pranken gerade auch nichts. Das Schlimmste sind Reißverschlüsse, kein Griff in den Fingern, die Zipper flutschen bei kleinem Widerstand aus den Fingern. Ganz blöd ist es mit der Fototasche. Apparat raus, Foto machen und wieder rein, das dauert. Das muss dringend umgestrickt werden. Feinmotorisch ist auch die Tipperei auf dem Händi. Dauert echt ewig. Zu allem Überfluss war auch noch Flitzekacke in die Hose gegangen. Ein ärgerlicher Umstand, auch so schon, und dann auch noch Klamotten wechseln und waschen. Der Zeitvertreib mit der Fock beim Paddeln hatte mir gefallen. Heute war es ein wenig frischer und so gönnte ich mir den Spass. Nach und nach muss ich aber feststellen, dass das kleine Tuch enorm entspannend ist. Auch wenn es nur einen km in der Stunde zieht, es bleibt immer Bewegung im Boot. Es ging los am Ortseingang von Nederhorst den Berg, der Fluss windet sich bis in den schönen Ort Weesp und mündet in das Markermeer, den unteren Teil des IJsselmeeres. Spassvögel hatte ich hauptsächlich mit Spottblicken, waren aber auch Begeisterungen. Meist lauthalsiges Zurufen von niederländischem Wortschwall, ein Fischer übersetzte das seinige, "das hast du dir gut ausgedacht", ein dunkelhäutiger Käptn eines Lastkahns schickte schimpfend zwei weiße Kids wieder nach "Achteren" worauf hin diese schleunigst hinten im Dingi zu sitzen kamen, welches am Kahn im Schlepptau hing. Aber sie fuchtelten und zeigten, worauf hin er deren Aufregung erkannte, zeigte mir eine weiße Zahnreihe, Daumen hoch, erwiderte irgendwas und machte dabei ein Dreieck in die Luft. Im allgemeinen freuen sich Skipperinnen eher, die Männlichen sind wohl mehr mit ihren PS und Geschwindigkeiten beschäftigt - zu vermuten wäre auch, dass sie es nicht fassen können, dass so ein Miniboot die Angebetete derart begeistert, wohingegen sie sich auf keinen Fall nur wegen der hohen Charterkosten dem Freienden an den Hals wirft, verblendet allen männlichen Unsinn erträgt, sich gefälligst zu freuen hat, dass sie ihm zum Gefallen ihren Körper der Allgemeinheit auf der Bugplattform zur Schau stellen darf. Segeln auf dem Fluss hat den Vorteil der Vorfahrt. Manchmal ist das ganz lustig, weil ich nur zu gut weiß, wie schnell ich um die Ecke paddeln kann. In Muiden wurde es mal eng, als ein Motoryachty versuchte, mich rechts aus der Schleuse heraus zu überholen. Ich hatte eine Gasse angepeilt, backbord ein langer Pott, steuerbord ein parkendes Schiff, dessen Dingi in der Durchfahrt angebunden dümpelte. Da passte ich durch, der Überholer war auf Kollsionskurs mit dem Motorschlauchboot des Parkenden. Ich pfiff auf den Fingern, laut und schrill, paddelte stumpf weiter. Der lange Pott hatte losgemacht und schraubte mit dem Heck die Durchfahrt enger, an seinem Bug orderte ein Mitfahrer mehr Raum durch das Bugstrahlruder, der Überholer kratzte fast mein Paddel, zog aber die Notbremse durch Rückwärtsgang, Maschine heult auf, Waserschwell unter dem sich hebenden Heck, der Käptn vom langen Pott sichtet das Treiben unten neben ihm, das erste Mal schaut der Yachty runter, gestikuliert "das war knapp". Was denn? Warscheinlich sein Lack am Bug, aber bestimmt nicht mich eingequetscht zu haben. Ich hatte lägst einen Km weiter angelegt, als der Typ endlich das Gewirr verlassen konnte. Am Schlauchboot mußte selbst ich mit meinen 85 cm Breite das Paddel drüber wegheben und aufpassen, dass ich am Schraubenschwell des Potts vorbeikam. Dazwischen aufstoppen und keine Fahrt zu machen wäre für mich gefährlicher gewesen. Das Ruderblatt macht nichts, wenn da kein Wasser anströmt, im Stehen ist es ein nutzlos hängendes totes Stück Blech. Wenn es eng wird, kann ich mit den Paddeln auch kaum was ausrichten, außer mich damit abzustoßen - was ich gar nicht mag, an Schiffen rumkratzen. Ich hasse es sogar, am Steg anzubuffen - ärgert mich jedes Mal. An einem langen Teilstück ohne Kurven auf dem Weg nach Muiden war ich genau auf Vorwindkurs (man ist dann vor dem Wind, die Haare flattern also nach vorne), zu faul, das Groß anzuschlagen, segelte ich mit dem Regenschirm, wie es sich zünftigerweise für einen Falter (Faltboot, -fahrer je nachdem) gehört. Kiddies mit Motorboot und Surfboard im Schepptau, beide vielleicht gerade im Schulkindalter, die Jüngere hatte gerade die zweiten Schneidezähne halb draußen, erkundigten sich nach dem Boot. Ich verstand so viel, dass nur unklar war, ob das ein Canoe oder ein Sail sei. Mit Gesten unterstützt erklärte ich beides für richtig, zeigte auf die Großsegelverpackung, erklärte Gaffeltakelung mit Armbewegungen, hob das Paddel und machte Paddelbewegungen in der Luft, dazu sagte ich - Kanu - zeigte wieder auf die Segel, sagte - Segel - und dann noch mal umgekehrt zeigend, aber zusammengefügt gesprochen: Segel-Kanu. Mit Blicken meinen Erklärungen folgend und offen stehenden Mündern hörten sie zu, sagten nichts mehr, drehten ab und brausten davon. Wenig später sah ich wohl Vater und Sohn aus dem Fenster eines Hausbootes schauen, der Junge zeigend und Gaffelarm machend, der Vater glotzt nickend zum Wasser herunter, die Frischbezahnte winkt auf dem Anleger sitzend. Wenig später ein riesen Wörterschwall und Gewinke aus einem aufgerissenen Hausbootfenster - eine Frau lacht sich schlapp, wiederholt das Gesagte und macht Schirmauf-Bewegungen. Ich winke ihr zu, zeige Regenschirm als Sonnenschirm und dann wieder nach vorn gestreckt als Windfang. Sie freut sich weiter, findet's sicher zum Schreien komisch. Gute-Idee-Rufe oder Daumen-hoch-Zeichen sind dagegen zwar nicht so überschwenglich, lassen meine anfänglichen Albernheiten aber ernsthafter werden, bis ich mich dabei erwische, beim Kreuzen kaum noch Höhe zu machen, soll heißen, ich machte viel Weg durchs Wasser, legte aber auf dem Weg zu meinem Ziel kaum ein paar Meter zurück. Also Segeln auf dem Fluss nur, wenn der Wind wenigstens von der Seite bis achterlich pustet. Sonst sabotiere ich mir mein Vorhaben, Texel zu erreichen, auch noch selber. Disziplin also. Im frühen Nachmittag lege ich in Muiden an. Am Anfang der langen Schutzmole, die in gerader Verlägerung des Vecht aus der Stadt ins Binnenmeer führt, stehe ich toilettensüchtig auf dem Steg und sehe gegenüber auf die Burg. Den Kamera-Akku muß ich schon überlisten - die Nikon löst noch aus, wenn sie grade angemacht worden ist und nur, wenn man manuell einstellt. Der Finger wegen, hinknien mag ich mich auch nicht und das dringende Bedürfnis halten mich vom Dokufoto ab. Es bläst ein feiner Wind. Mo |
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Geschrieben von Moses (Mail)
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Sonntag, 16. August 2009 um 11:53 |
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Der Wind bläst beim Anlegen Badesprosse vom Steg weg. Fender? - kann ich mit Schwimmen gehen oder an den Mast binden, nicht mal wenn Schiffsschwell kommt, geht das Boot auf Stegberührung. Hatte ich mir Angst machen lassen? Immer wieder, wenn es ums IJsselmeer ging, kamen von den Leuten Bedenken und Schauergeschichten über schlimme Wetter, heftige Wellen - wollten sie mir erzählen, wie fein sie die Situationen gemeistert hatten? Es ist geografisch eigentlich Nordsee, durch Menschenhand mit einem langen Deich abgerungen. Wen wundert es also, dass sich hier der Wind fein aufbauen kann. Holland hat auch nichts bremsendes entgegenzusetzen. Aus dem Hafen fährt ein Segler nach dem anderen, große Schiffe, Yachten, Jollen, Catamarane und von da, wo ich bin, macht sich eine Gruppe Kids bereit, mit ihren Optimisten rauszugehen. Memme oder Kanut, hatte ich schon mal. Memme weil gefroren, vernünftig aber, weil nicht wissend wohin und wann ich kam. Nun stehe ich hier, das kleine Bedürfniss erledigt und schaue auf die Wasserfläche. Eine große Fock hat sich an einem Schiff in der Hafenbox losgerissen, flattert lautstark, sieht aus wie vibrierendes Brett. Ich vermute, dass ich zu bequem bin, mit meinen derangierten Händen aufzuriggen, das Boot segelklar zu machen und beschließen, wieder Segler zu werden. Der Plan: rausfahren unter Fock, aber mit Fußsterung und Doppelpaddel. Richtung Amsterdam, um von dort zu schauen, wie es durch die Kanäle weitergeht. Ich baue die Seitenschwerter an und lasse alles, was lose ist, verschwinden, schaffe Freiraum zwischen Sitz und Mast, ordne die Leinen, binde Fender an, lasse alles angebändselte bis auf das Stechpaddel vom Bug verschwinden und schlage sogar das Groß an, falls ich es doch setzen will. Es irgendwie umzubasteln, dass es gerefft ist, was gehen müßte, wenn ich den Segelkopf nach unten klappe, ersparen ich mir. An die Rundumleine kommen zwei neue Bändsel für das Paddel, nicht zu knapp, damit es schnell und bequem zu befestigen ist. Alle Säcke werden kontrolliert und bekommen ihren Luftanteil - aufmachen und mit Lufteinschluss wieder schließen. Ich denke nur an die Situation, gekentert zu sein oder aus dem Boot zu fallen. Ich gönne mir eine Sicherheitsleine, die am Kielschwein und am Gürtel mit Palstek gesichert ist. Ich kann mich von ihr lösen, wenn ich den Gürtel, dessen Schnalle ein Klappmechanismus ist, öffne. Dazu brauch ich selbst unter Spannung nur einen Finger. Ist zwar kein Lifebelt, aber immerhin etwas. Trotz Wind ist es sehr heiß, aber die Goretex-Windjacke ziehe ich an, wasserdichte Stirnlampe wird nachgezogen und um den Hals gehängt. Der schwere Pantrykoffer wird nicht gesichert. Er wird nur ein paar Minuten schwimmen, wenn überhaupt, und dann untergehen. Erleichtert aber ein Wiederaufrichten bei Kenterung. Falls ich den Gürtel öffne, weil sich meine Sicherheitsleine irgendwo verheddert hat, verliere ich auch das Letherman-Messer, bändsele daher das große Bowiemesser so an, dass ich es auch unter Wasser leicht finde. Stelle mir vor, dass ich gekentert bin und wegen des Baumwollsegels, Wind und Wellen das Boot nicht wieder umdrehen kann und ich in dem Gewirr von den vielen Leinen nicht mehr zurecht komme. In dem Fall will ich das ganze Segel abtrennen können. Ein Mann zeigt mir seine feine Seekarte und ich schaue mir die entsprechenden Landmarken nach Amsterdam an. Von Muiden westlich, steil am Wind, eine kleine Insel links liegen lassen, vielleicht sogar links daran vorbei, habe ja keine wirklichen Tiefgangprobleme, dann auf Verkehrstrennungsgebiet zu, eine lange Mole säumt dieses nach Amsterdam rein, muß also umfahren werden. Auf den Leuchtturm zu, den man von da aus sehen kann. Ich bin soweit. Habe jetzt nicht alle vorbereitenden Kleinigkeiten beschrieben. Übrig ist nur noch das Losmachen. Habe Respekt. Der Wind rauscht, sitze, habe lose, treibe ins Schilf, stoße rückwärts, komme ins Fahrwasser, verschwinde hinter Bojenkette, lasse Motorende vorbei, stetze Fock, halber Wind von Backbord. Am Ende der Mole freche Kursänderung von Nord auf West, Fock flattert in den Wind geschossen, Entgegenkommer gewährt mir Raum, bin aber schnell weggepaddelt. Welle etwa halber Meter. Die meisten fahren gerefft (verkleinerte Segelfläche) gegenan, etliche nur unter Fock. Peilung ist gut, gewünschter Kurs geht gerade an der harten Windkante, der äußerste Winkel, den Badesprosse laufen kann. Die Fock reißt mächtig, zieht auch, ich mache Spur im Wasser - oder kommt das von den durchlaufenden Wellen? Bug taucht immer wieder ein, holt Wasser, läuft gut und schnell vom Oberdeck, nur vom Paddel kommt enom viel Spritzwasser. Die Optigruppe kreiselt fein umher, ein Zweimaster-Plattbodenschiff setzt Großsegel und Badesprosse stampft. Bald bin ich auf Höhe der kleinen Insel und sehe fern Lastschiffe im Trennungsgebiet. Bin sehr ruhig, obwohl die Welle ähnlich wächst wie auf dem Amsterdam-Rijn-Kanaal, wenn Schiffe kamen, welches nur gleichmäßig und ohne dass sich auftürmende Gekreuze und Amplituden erhöhende, dafür aber mit Schaumkrönchen hier und da. Schaumkrönchen? Bei wieviel Wind entstehen die .... habe ich vergessen. Erreiche das Trennungsgebiet, auf einer großen Segelyacht ist die Crew aus dem Häuschen, fahren nah an mir vorbei, machen aber mehr Höhe auf Amsterdam. Ahoi ruft der Skipper in der Pflicht, gibt Komandos und es ertönt dreimal "Hoi, Hoi, Hoi ...", die Crew als Chor vereint ruft's und alle recken die Arme gegen Himmel. Mir geht das Herz auf, salutiere Hand an Stirn, winke mit gestrecktem Arm und passiere die rote Tonne Nr. 14. Nun mache ich doch Fotos und quere das Trennungsgebiet und erreiche etwas Landabdeckung nahe Durgerdam. Nach Amsterdam zu kreuzen und immer wieder durchs Teennungsdebiet zu müssen, habe ich keine Lust. Dafür haspele ich mir eine zurecht, bemüht Groß zu setzen. Das rauscht gleich aus, und Badesprosse geht von selbst auf Vorwindkurs. Erstaunlich das Ding. Die obere Gaffelklemme ist nicht fest, das Segel nicht ganz oben, der Aufhapler klemmt irgendwo, die Fock schlägt ins Lee des Groß. Klariere erstmal das Leinendurcheinander im Fußraum vor dem Mast. Ganz schön viele: Zwei Aufhohler, ein Baumniederhalter, die Großschot mit den Rollen, die beiden Fockschote, das Bündel mit dem Festmacher, rechts und links am Süllrand die Rundumleine, die Sicherheitsleine, die beiden Festmacher vom Paddel und die beiden Züge von den Pedalen zum Ruder. Das Groß kriege ich oben doch noch angeschlagen, Badesprosse schaukelt zwar, stampft aber nicht. Herrliches Vorwindsegeln geht los. Die Welle normal keinen Meter, in Böen aber durchaus über einen Meter auftürmend, läuft unter mir durch bis auf Sitzhöhe, dann kriege ich einen mächtigen Schub, weil der Bug dann meist noch in der vorderen Welle unter Wasser steckt, die Welle bricht dann, wie es die Surfer mit ihren Boards anstellen, benimmt sich auch Badesprosse. In den Böen bin ich immer am Rande des Surfens. Wenn ich nicht so schwer wäre, würde das vielleicht sogar glücken. Die Seitenschwerter hole ich so weit auf, dass sie wie zwei Finnen durchs Wasser ziehen, muß an zwei Fischerstellen auf halben Wind Ost und erreiche einen nördlichen Hafen unter Vorbesegelung in die Einfahrt unter Fock hinein und stehe bereits um sieben Uhr an der Rezeption. Unter Boot steht auf der Quitung Padesprosse aus Padaborn, ich grinse und lasse das natürlich so stehen. Bin in ausgesprochener Feierlaune und erfahre, das morgen der Wind noch günstig für Nordfahrt ist, 3 - 4 bf. Was hatten wir denn heute, wollte ich wissen, 5 bf, sagt die Frau, in Böen 6 bf ... Mir fällt die Kinnlade runter, dann breites Grinsen und mir ist der Zehner fürs Bootparken sowas von Wurscht. Ich bin etwas nördlich des Örtchens Uitdam - Campinghafen. Ein Problem muss nur dringend gelöst werden, die Steuerpedale verklemmen sich, bekomme kaum einen Winkel in das Ruderblatt, habe bisher mit der Großschot die Drehungen auf den Wellenkämmen ausgeglichen ... Jetzt war Schreibpause. Seitenschwertaufhängung ist so weit wie möglich nach hinten versetzt und der Klemmholm darunter gedreht. Die Pedale sind nun vollständig frei beweglich. In der Zwischenzeit war das Händi auf der Mythos zum Laden. Nach meiner Einpackerei bin ich wieder hin. Großes Händi-Gesuche. "Sorry, misscommunication on board, it did not charch". Na klasse, sie klemmen es nochmal an und machen ihr Schiff segelklar. Ich drehe Zigaretten auf Halde und warte, kontrolliere nochmal alle Leinen, fülle den Wasserkanister voller auf und platziere ihn wieder am Mast - vielleicht hilft das ein wenig, die Lasten auszugleichen. Bekomme Händi gebracht, Mythos klar zum Auslaufen, will vor dem wasserdichten Verpacken im Jogurteimer noch dieses Mail schicken, jedoch Alarm: Strom fehlt ... es hatte gar nicht geladen. Haben die vielleicht einen Umschalter von Landstrom auf Batterie und vergessen umzuschalten? Geladen war hier jedenfalls nichts. Die laufen aus und ich zum Waschraum zur Steckdose Rasierapparat - bleibe aber keine zehn Meter weiter am Lifebelt hägen, Badesprosse muckt auf, ich in der Kurve am Stegende abkürzend fast ins Wasser geflogen. Das Wetter ist heiter und der Wind ist seit etwa einer Stunde da. Ich rauschen nun ab, versuche einen nördlichen Ort zu erreichen, wo geschleust werden muss. Irgendwas mit E., Eickendam oder so ... die Karte ist im Boot. Also geladen ist das Händi nicht. Wenn heute Abend keine Nachricht, erstmal nicht sorgen, Webbie. Vielleicht schafft das Ding ja wenigstens ein ok. Also bis denne. Mo PS.: Hafenmeister meldete, ich wär der zweite mit Kajak dieses Jahr ... |
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Geschrieben von Moses (SMS)
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Sonntag, 16. August 2009 um 23:08 |
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Von Uitdam am Leuchtturm an der östlichen Spitze Marken bzw. Kerkbourt vorbei, statt NNW N gepeilt, dadurch statt Hoorn Bovenkarspel erreicht, nach Enkhuizen geschleust um 17:30 Uhr. Dann zum Yachthafen, voll - weiter O, um die nächste Landzunge und gegen Westwind in die Bucht. Badesprosse lässt sich nicht wenden, muss immer halsen, brauchte fünf Schläge. Campingarea absolut private Dauercamper. Platz zum Zelten geschnorrt. Badesprosse ist derangiert. Normale Welle ab Leuchtturm etwa ein Meter. Heftig für das Geschöpf. Dann immer Sets, 4- bis 6er-Sets höhere und steilere. Kurs immer mit acherlichem bis Vorwind. Badesprosse kann das "Alle-meine-Enten"-Lied pantomimisch. Steckt's Köpfchen ins Wasser und Schwänzchen in die Höhe. Deutsch: der Bug steckt in der durchlaufenden Welle, das Heck wird von der nächsten aus dem Wasser gehoben, das Ruderblatt winkt den Wolken zu. 22:30 Uhr: endlich im Zelt, schön heiß geduscht. Die fünf Stunden von Hafen bis Schleuse war eine Rauschefahrt, selten Angst gehabt, wenn sich Wellen brechen, aber so direkt auf Sitzhöhe umspült und das Boot fährt Kringel ... zum Abgewöhnen. Nur einmal Mist gemacht ... beim Brotessen nicht nach hinten geschaut, Patenthalse auf Wellenkamm, viel Wasser gekriegt. Geschichten heute keine mehr. Grüße ... PS: heftiger Trip ist das hier ... |
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Geschrieben von Moses (Mail)
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Montag, 17. August 2009 um 13:27 |
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Enkhuizen, Nordseite, privater Campingplatz, Enkhuizerzand, nicht für Passanten. Mit einem Kauderwelsch aus Deutsch, Englisch und einigen Worten niederländisch, die ich aufgeschschnappt habe, erklärte ich einem gemütlich beim Wein sitzenden Paar meine Situation. Es muss so zwischen halb acht und acht gewesen sein, als ich in der ersten Bucht nordöstlich von Enkhuizen an den Steg kam. Ich brauchte fünf lange Schläge gegen den ablandigen Wind. Badesprosse läßt sich nicht wenden, das heißt, ich kann nicht mit der Bugspitze durch den Wind drehen, damit die Segel auf die andere Seite kommen können und mich so im Zick-Zack-Kurs an eine Stelle bewegen, die gegen den Wind liegt. Man fährt dabei sozusagen wie waagerechte Serpentinen, statt bergauf eben gegen die Windrichtung. Direkt auf einen steilen Berg hoch geht's manchmal genauso wenig wie gegen die Windrichtung. Die Kurven der Serpentinen sind mit der Richtungsänderung auf dem Wasser mit einer Wende zu vergleichen. Badesprosse kann das nicht. Sobald der Bug annähernd gegen den Wind steht, schießt sie auf und fällt gleich wieder ab. Würde das Boot genug Geschwindigkeit haben oder die Ruderwirkung besser sein, könnte das Boot durch den Wind von der einen zur anderen Seite tauchen, und damit auch die Segel auf die andere Seite wechseln. Ich muß immer eine Halse fahren, also um die Richtung beim Kreuzen zu ändern, das Boot mit dem Heck durch den Wind drehen. Das dauert nicht nur länger, sondern ist auch ein längerer Weg, bei dem man an Höhe verliert. Mit Höhe meint man hier die erreichte Strecke gegen die Windrichtung. Beim Halsen fahre ich einen dreiviertel Kreis entgegengesetzt zum Fahrziel, wobei man manchmal einen großen Teil der Höhe wieder verliert. Beim Wenden passiert das nicht, weil da die Richtungsänderung ohne den Kringel nach hinten, quasi auf der Stelle stattfindet. Dass Enkhuizerzand kein Zeltplatz für Durchreisende ist, wurde mir schon beim Annähern klar, aber ich hätte notfalls geankert, trotz Schwell und einer Menge Wasser im Boot. Heute morgen kein Tau im Zelt, das ist selten. Bin froh, den Ersatzschlafsack mitgenommen zu haben. Als Ersatz benutze ich den besseren. Der andere ist einer von einem Kaffeeröster, ziemlich voluminös und gestern ein nasser schwerer Lappen, der zum Trocknen auf dem Paddel hängt, das schräg am Zaun gelehnt ist. Habe bereits die dritte Kaffeekochaktion, habe mich wohl erkältet, alle Atemwege streikten heute morgen und der Kopfschmerz gesellte sich dazu - ein Gefühlszustand wie ein gut gehender Saufkater. Badesprosse habe ich eben besucht, in der Zwischenzeit ein wenig Strom getankt. Das Boot ist zwischen den vielen Holzsprossen pottendreckig, Kniest aus Sand, Schlick, Industriewasser. In dieser Ursuppe das Leinendurcheinander. Habe erstmal gründlich Wasser aufgesaugt, Segel und Leinen klariert. Die nassen Schuhe in die Sonne gestellt. An der Rezeption war noch keiner. Bezahlen kann ich also noch nicht. Das IJsselmeer macht einen friedlichen Eindruck. Spiegelglatt und kein Wind. Segeln geht noch nicht. Muss wohl paddeln. Denke, ich werde in der Zwischenzeit die ausgerissene Seitenschwerthalterung reparieren, an der die Großschot befestigt ist. Wenn die ganz aufgibt, bin ich während der Fahrt manövrierunfähig, denn darunter befindet sich die Pedalsteuerung mit den Zügen zum Ruder. Die Boote liegen hier aufgestelzt auf Hilfsstegen, gegen den Schwell gesichert. Als ich Badesprosse herauszerrte, war ich immer noch klatschen nass und am zittern. Zwei Frauen und ein Mann halfen ihr auf den Steg. Nach einer langen und sehr heißen Dusche kam ich zurück zu dem Platz, wo mein Haufen Ausrüstung herumlag und auf Zelteinrichten wartete. Das Licht ging schon an und ich legte die Sachen auf das ausgebreitete Zelt, zog das ganze unter eine Straßenlaterne über die Wiese. Die Mücken umschwirren die Laternen und ein Paar Spinnen habens leicht, bauen mehrere Ebenen Netz, dreidimensional. Heute morgen bewegten sich Drosseln über die obere Querstange der Zaunbegrenzung und pickten alle paar Zentimeter Insekten aus den Spinnennetzen unter Ihnen. Frühstück sozusagen. Der Törn von gestern war schlimmer als der nach Uitdam. Die fünf Stunden bis zur Schleuse war eine einzige Wellenbeobachtung nach achtern. Das ist deswegen anstrengend, weil ich die Fußsteuerung bedienen muss und deshalb nicht quer im Boot sitzen kann. Jede Welle muss abgeritten werden. Volle Aufmerksamkeit. Wenn die hohen Sets anrollen, der Bug noch voll unter Wasser steckt, das Ruderblatt keinen Druck mehr hat und aus dem Wasser hängt, läßt sich nur noch durch Fieren oder Dichtholen lenken. Badesprosse macht dabei Kopfstand, was zur Folge hat, dass sich auch der Winkel des Segels zum Wind ändert. In der Regel lasse ich die Welle achterlich, also leicht schräg von hinten durchlaufen, dann kann ich einen kurzen Moment schräg die Welle herunterfahren. Es ist sehr schwer, den Winkel hinzukriegen, bei dem man gut Fahrt macht. Läuft die Welle genau in Fahrtrichtung, bricht sie auf Höhe der Sitzluke. Das gibt einen Schwell Wasser ins Boot. Manchmal komme ich beim Abreiten der Welle annähernd parallel zum Kamm. Wenn diese sich gerade zum Brechen auftürmt, zieht sie sich steil das Wasser hoch und der brechende Kamm kommt von der Seite. Das aufgenommene Wasser ist dabei weniger wild als das Drehmoment zur Kenterung. Das Boot ist eh schon gekrängt, die Welle hebt es in den Wind, das Segel bekommt mehr Druck - wenn ich dann nicht fiere, kentere ich. Es ist wie Rodeo. Man weiß, dass es buckelt, der Zügel ist die Großschot, die Ruderpedale die Steigbügel, das Wellenrauschen der Applaus von den Zuschauern, der Wind ein einziger Rausch, das Knatschen und Knarren der Spanten, das Stampfen des Bugs wie die Hufschläge, Gischt ersetzt den Staub. Die vier Windräder, die ich der Stadt Hoorn zugeordnet hatte, aber zu Enkhuizen gehören, wollen einfach nicht größer werden, bleiben nebulös lange Zeit. Eine Yacht unter Groß und Spinnacker überholt eine Bootsläge entfernt, ich rufe, versuche mit Zeichen "Hoorn?" deute in die Richtung. Einer macht Kreisbewegung mit dem Finger Richtung seines Ohrs, versteht nichts, die anderen machen nichts, nur Ihre Körper schaukeln vor und zurück. Ein Schiff mit roten Segeln verfolge ich seit Stunden, ist langsam wie ich, aber fast am Horizont. Zwischen den anrollenden Wellensets ist ab und zu nur ein Meter Dünung, dann greife ich nach hinten unten nach einem Brot. Bis ich das endlich erfummelt habe, kommt aber schon der nächste Ritt, denke aber Essen ist superwichtig. Warm bleiben, Konzentration halten. An den Windmühlen trennt sich Berufsschiffahrt von den Sportlern. Ich muss Pinkeln. Ganz schlimm. Eine Freundin verriet mir den Trick, wie man der Blase über den Berg hilft, eine Kippbewegung des Beckens, die es dann erlaubt, noch auszuhalten. Das ging aber auch nicht mehr. Das Boot eine Badewanne, trotz immer wieder mit dem Schwamm geleert, tanzt im Schwell, ich stehe, müsste eigentlich tanzen, so muss ich und hole die Segel ein, löse das Paddel, benutze den gleichen Tampen für das Segel, und versuche an der Mole anzulegen - zu viel Schwell und kantige Steine. Paddele in die geschützte Bucht, endlich Erleichterung! Hach! Danach komme ich paddelnd nicht aus der Bucht, setze das Groß, zieht mich nicht gegen an, nehme Fock dazu, kriege gut Fahrt. Plötzlich hakt die Gaffelklemme aus, das Segel steht nicht mehr, erst recht keine Wende mehr, der Hafen will mich gefangen nehmen, ich halse den Ringeltanz und schaffe es. Einem Trimaran folge ich mit geblähtem Segel, die Gaffelklemme ausgehakt. An der Schleusenampel bekomme ich es kaum eingeholt, in der Gasse weht's wie ein Fön. Bis ich fertig bin, ist der Trimaran (einhandgesegelt) weg, die Tore wieder zu und ich treibe umher, meine Klotten ordnend. Das ganze Segelgeraffel stört beim Paddeln. Nach dem Schleusen wird mir das Paddeln zu blöd, setze wieder die Fock, zieht mich aber nicht auf den alten Hafen zu, hebe die Gaffel und komme hin, drehe am Eingang ab, sehe mehr Segelmasten am anderen Hafenbecken. Setze wieder Groß, drehe eine Runde durch den Hafen und verschwinde in die oben beschriebene Bucht. Jetzt ist's ungefähr 13 Uhr. Das meiste ist wieder getrocknet, Badesprosse wieder klar, und die Salupotthavarie im Pentrykoffer entfernt. Meine Texelreise hat sich hier rumgesprochen. Die Mutter der Frau, die gestern mit ihrem Mann den Kontakt zum Manager herstellte, fragte nach: "Aber Sie wollen nicht nach Texel?! Nicht ins Wattenmeer damit?" und zeigt auf Badesprosse. Nun, vorgestern waren 5, in Böen 6 bf, gestern sollten 3 - 4 bf sein, fand ich aber schlimmer - jedenfalls nicht so lustig wie am Vortag. Badesprosse hat ein Segel, das für 2, höchstens 3 ausgelegt sein soll. Das hatte ich aber erheblich kleiner gechnitten und das Boot ist superschwer. Unter Land fahre ich von Oosterdijk über Onderdijk nach Medemblik. Das soll reichen für heute. Ich bin entspannt und ausgeglichen. |
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Geschrieben von Moses (Mail)
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Montag, 17. August 2009 um 18:31 |
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Aus der Bucht von Enkhuizerzand ausgelaufen und das nächste Kap nördlich gab es so viel Wind gegenan, dass ich nach zweieinhalb Stunden, zweimal kreuzen und einiger Wasseraufnahme umdrehte. Badesprosse ist bockig gewesen und hätte auf fast halben Wind einen so großen Schlag machen müssen, dass ich immer weiter in die hohen Wellen gekommen wäre. Das Ruder lüftet sich bisweilen und das ist auf diesen Kursen nicht haltbar. Treibe mehr ab als das ich fahre. Wieder an der Bucht zurück in schneller Fahrt halb bis achterlich - das können wir ja schon - Compagnieshaven Enkhuizen das Ziel, dahin, wo ich gestern mal eine Runde durch die Einfahrt drehte. Auf der Kreuzung brach dann das Steuerboardseitenschwert und ich brauchte über zwanzig Schläge. Wobei hier Erfolge zu vermelden sind: Steuerbordwenden an der Mole glückten, zum Ende bis auf einen Meter rangefahren, so sicher ging das ... Vor der Hafeneinfahrt immer wider halsen, zu wenig Wind. So bekam ich Meter um Meter die Höhe. Paddeln wäre schneller gewesen - aber da war der Ehrgeiz: man legt unter Segeln an, wenn man segelt. Habe ich auch gemacht. Aber zuerst in den Hafen rein, da ging die Wende wieder nicht. Also abgefallen und gehalst, einen Kringel um Ankernde im Päckchen liegend, großes Gegucke und halte auf die Passantenpier zu, eine Lücke von 7 - 8 m, Aufschießer, Segel fieren und Badesprosse macht ganz sachte mit dem Bug "pöck", während ich im Boot stehend das Groß herunterlasse und das Heck gegen die Pier treibt. Ein Schritt auf den Bug, den anderen Fuß auf die Abstandsbohle und zupp, die Leine fest. Jetzt sitze ich auf dem Steg, unter dem ich vorher durchgepaddelt bin, und habe Badesprosse an einem Schwimmton fein mit Vor- und Achterspring festgemacht - oder eher mit dem Ponton verzurrt, dann den Ponton in eine Position gebracht, dass er frei schwimmt, aber nicht gegen die Stegstützen puckern kann, als wäre er das Boot. Naturlich alles genau beobachtet von den Yachties. Auf dem Pinton liegt ein roter Teppich, Marke Kunstrasen. Die Hafenenten fanden mich blöd, als ich kam und trollten sich quakend. Heute klariere erstmal ich das Segelgeraffel. Morgen Sightseeing, Schiffe und Museen gucken. Vor ein paar Minuten ist das Wetter aufgeheitert. Gut fürs Gemüt. Ich schätze, dass ich was Warmes in den Bauch kriege. Das Schicksal hat es zwei Tage gut gehen lassen mit dem extremen Wind. Ich denke, der Abbruch war richtig. Das gebrochene Seitenschwert spricht Bände ... Gruß Mo PS: Immer ruhig bleiben. Gute Schule dafür, das Meer. Ich habe mit den Wellen gesprochen und gesungen - was ich im übrigen sonst immer verweigere. |
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